Jürgen Emig : Schmieren mit System

Heute beginnt der Prozess gegen Jürgen Emig, den früheren Sportchef des Hessischen Rundfunks. Die Vorwürfe zielen alle in eine Richtung: Der Sportchef entscheidet, welche Veranstaltung übertragen wird, und lässt sich das bezahlen.

Bernd Gäbler
Korruptionsprozess
Jürgen Emig, Ex - Sportchef des Hessischen Rundfunks. -Foto: dpa

Jürgen Emig, der ehemalige Sportchef des Hessischen Rundfunks (HR), ist gestern 63 geworden. Formal befindet sich der drahtige Grauhaarige derzeit in „passiver Alterszeit“. Von heute an muss er sich vor der 12. Strafkammer des Landgerichts Frankfurt verantworten. Bestechlichkeit, Anstiftung zur Bestechung, Betrug zum Nachteil von Sportveranstaltern und Untreue zum Nachteil des Hessischen Rundfunks wirft ihm der ermittelnde Staatsanwalt Michael Loer vor, der auch die Anklageschrift verfasst hat. Schmiergelder in Höhe von 625000 Euro soll Emig selbst von Sponsoren und Veranstaltern für bevorzugte Fernsehübertragungen kassiert haben. Der Prozess wird den Einzelfall gründlich prüfen, deswegen ist er vorerst bis zum 28. Oktober terminiert. Vermutlich wird er länger dauern. Viele Zeugen – darunter auch der amtierende HR-Intendant Helmut Reitze und der ehemalige Intendant Klaus Berg – können sich bereithalten, auch wenn die Liste am ersten Verhandlungstag noch Gegenstand der Beratung sein wird.

Ob der Prozess über den Einzelfall hinaus einen tieferen Einblick in eine Systematik von Bestechung und Geldflüssen zu Tage fördern wird, hängt vor allem von der Strategie der Verteidigung ab. Behauptet Emig, nur getan zu haben, was ohnehin alle wussten, oder sogar, dazu beauftragt gewesen zu sein, dann müsste dies geprüft werden. Auf jeden Fall wird Emig sich im Laufe der Hauptverhandlung zur Sache äußern. Das bestätigte sein Anwalt Stefan Bonn dem Tagesspiegel.

Als Jürgen Emig noch aktiv war, sah man den dynamischen Sportchef Jahr für Jahr vor allem am Abend des 1. Mai auf einem Rennrad – eine seiner vielen „Festina“-Uhren am Handgelenk – entspannt den Main entlang radeln, die Familie im Schlepptau. Dann hatte er es wieder einmal geschafft. Die Übertragung des Radrennens „Rund um den Henninger Turm“, ein großes Ding für den kleinen Hessischen Rundfunk (HR), war reibungslos über die Bühne gegangen. Bei der Bergwertung an der Kittelhütte waren die Plakate des „Rhein-Main-Verkehrs-Verbundes“ (60000 Euro an den HR) gut sichtbar; auf dem Feldberg war der Reporter so platziert, dass die Uhrenmarke „Festina“ (50000 Euro an den HR und sicher wieder eine tolle Uhr für ihn) keinen Grund zur Beschwerde haben dürfte; die Deals mit dem „Hessen-Lotto“ (50000 Euro) liefen ohnehin prima; Fiat stellte nicht nur 45 PKW und zwölf Busse, sondern hatte auch noch 50000 Euro draufgelegt (alle Zahlen von 2002). Mit der Telekom hatte er einen Super-Rabatt für die Leitungskosten ausgehandelt; die Motorrad-Kameras funktionierten, und keiner lieferte so schöne Luftaufnahmen wie der HR. Jedenfalls so lange wie H. bei Jürgen Emig Produktionsleiter war – kein sturer Beamter, sondern einer, der organisieren konnte: vor allem Helikopter. Mit der Firma „Rotorflug“, an die alle Aufträge gingen, war er verbandelt. Das „Rennen rund um den Henniger Turm“ lag dem Radsport-Experten Emig stets besonders am Herzen, nicht allein aus sportlichen Gründen – dafür soll er allein im Zeitraum von 2001 bis 2004 rund 225000 Euro in die eigene Tasche abgezweigt haben.

Besonders war hier nur die Dimension; das Prinzip war stets dasselbe: Der Sportchef entscheidet, welche Veranstaltung übertragen wird, und lässt sich das bezahlen. Emig vermittelte den Veranstaltern Sponsoren, die ins rechte Kameralicht gerückt wurden. Im Gegenzug konnte der Veranstalter dem Hessischen Rundfunk so genannte „Beistellungen“ finanzieren. Das machte die Übertragungen kostengünstiger, ja oft erst möglich.

„Ich war der Schalck-Golodkowski des Hessischen Rundfunks“ soll Jürgen Emig laut „Süddeutscher Zeitung“ einmal über sich gesagt haben, ein hübsch doppelbödiger Vergleich. Als sei der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine Art DDR. Mindestens 13 Millionen Euro will er dem Hessischen Rundfunk eingeworben haben. Da lag die Versuchung nahe, von diesem Geldstrom auch selber zu profitieren. Zu diesem Zweck gründete er gemeinsam mit Harald Frahm, dem ehemaligen Präsidenten des Deutschen Tanzsportverbandes, verdeckt die Firma „SportMarketing & Produktion GmbH (SMP)“. Sie wurde zwischengeschaltet, wenn es um Sponsoren und Produktionskostenzuschüsse ging. Sein damaliger Kompagnon Frahm soll rund 300000 Euro illegal eingesteckt haben. Deshalb ist dieser mitangeklagt, bei ihm bestand allerdings kein Treueverhältnis zum HR. Anhängig ist ein weiteres Verfahren gegen Emigs Ehefrau, die bei SMP als stille Teilhaberin fungierte. SMP war dem Hessischen Rundfunk offiziell als Vertragspartner bekannt, dass sie mitkassierte aber angeblich nicht.

Als Volontärin war Atlanta Killinger in die Sportredaktion gekommen, später schloss sie die Ehe mit ihrem Chef standesgemäß in Atlanta. Neben der Firma SMP gab es noch die „Killinger Productions“, die zum Beispiel Beiträge über die Tour de France für Arte produzierte. Man habe da nicht jedes „Filmchen“ untersucht, sagte Staatsanwalt Loer. Über solche Beiträge aber lief der Kontakt zu „Sport im Osten“ vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und dessen Sportchef Wilfried Mohren, der seinerseits begann, das „System Emig“ schöpferisch anzuwenden. SMP ist heute aufgelöst und gegen Mohren läuft ebenfalls ein Strafverfahren. Der Termin der Hauptverhandlung steht noch nicht fest; zunächst hat das Leipziger Arbeitsgericht Mohren und den MDR zum 14. August geladen.

Der Prozess in Frankfurt/Main wird ein buntes Panorama der regionalen Sportlandschaft zur Besichtigung freigeben: Tanzen und Reiten; Boxen und Motorsport, Regionalliga-Fußball, vom „Ironman“ bis zum American Football der „Frankfurt Galaxy“ sind alle betroffen. Vom Verkauf von Sendezeiten oder Einzelheiten der „Beistellungs“ -Deals will natürlich niemand gewusst haben. Veranstalter und Vereine, die zunächst brav zahlten, fühlen sich nachträglich hereingelegt. Besonders überrascht gab sich Rolf Müller, der Chef des Landessportbundes Hessen und in dieser Funktion Mitglied des HR-Rundfunkrats. Ob im Prozess zu Tage kommen wird, wann wer im ARD-Sender was gewusst hat, respektive ob oder inwieweit die Methode Emig („öffentlich senden, privat kassieren“) von der Führung gedeckt war und lediglich aufflog, als Emig selbst zu üppig Gelder abzweigte, ist fraglich. Immerhin hatte schon Intendant Klaus Berg die Innenrevision auf Emig angesetzt und die für öffentliche Veranstaltungen des HR zuständige Mitarbeiterin hatte vorsorglich schriftlich hinterlegt, dass sie Emigs Methoden nicht billige.

Viele im Sender ahnten etwas. Aber war es nicht in anderen Abteilungen ähnlich? Gab es nicht Autoren, die für die Reisesendung Sponsorengelder mitbringen mussten, wenn sie einen Auftrag bekommen wollten? Wurde die Streckenführung beim Karnevalsumzug in Baunatal nicht ähnlich penibel geplant wie das Radrennen? War es denn Zufall, dass der HR zur Berichterstattung über die Internationale Automobil-Ausstellung stets als Gast vom Opel-Stand aus sendete?

Jürgen Emig, der promovierte Sportjournalist, dem auch Beziehungen zur Telekom nachgesagt wurden, war unantastbar. Aus „verfahrenstechnischen Gründen“ sind alle überregionalen Aktivitäten Jürgen Emigs nicht Gegenstand des Prozesses. Immerhin scheint klar zu sein: In der ARD kam Emig mit seiner Agentur nicht zum Zug. Seine Abteilung leitete der Sportchef bestimmt, aber meist aus der Ferne. Viele spürten, dass etwas nicht stimmte. Emig wurde auch für seine Cleverness gelobt. Die Hörfunk-Kollegen von HR 3 stöhnten zwar auf, wenn sie in ihrer populären Morgensendung wieder ein Gefälligkeitsinterview unterbringen mussten, aber dafür war die Welle auch auf großen Sport-Events präsent. Im Sport spielte „Hessen-Lotto“ eine große Rolle und selbstverständlich ging es im „Galaxy“-Magazin nicht um Journalismus, aber genau hinschauen wollte keiner. Roman Hillmann, inzwischen längst selbstständig, von 1995 bis 1997 agiler Produktionschef im Sport, war zu Aussagen über „illegale Absprachen“ bereit, aber Zuträger sind nicht beliebt. Am Ende winkt jemand mit der Moralkeule: Wer etwas verrate, schade dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Es gärte lange. Am 29. Juni 2005 wurde Jürgen Emig festgenommen. Bis zum 11. August 2005 war er in Untersuchungshaft. Jetzt geht es nur um Vorkommnisse zwischen 2001 und 2004, obwohl es das System aus Sponsorenvermittlung und Beistellungen schon seit den frühen 90er Jahren gab. Die Verhandlung ist ein Meilenstein auf dem Weg, Korruption oder auch nur die Verschiebung der Gewichte zwischen Journalismus und PR offen zu bekämpfen.

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