Jürgen Klinsmann : Der Journalistenvorsteher

Pressefeindlich? Praktisch? Zukunftweisend? Die neue Medienpolitik des Bayern-Trainers Jürgen Klinsmann.

Sebastian Krass[münchen]
Klinsmann
Geliebte PR-Termine. Der Medienkosmos des FC Bayern München ist in Verruf geraten. Zu Unrecht? -Foto: dpa

Einen Grund zu klagen gibt es dann doch: „Fenster wären schon schön gewesen“, ist immer wieder zu hören, wenn die Journalisten sich in den Bürostühlen mit der flexiblen Rückenlehne zurücksinken lassen, vor sich eine Tasse frisch aufgebrühten Espresso. Es sind die Minuten zwischen 13 Uhr und 13 Uhr 15. In den Medienräumen des FC Bayern München ist Zeit für Small Talk, Witzchen über diesen und jenen Spieler – und Zeit, sich daran zu erinnern, dass es mal unkomfortabler war. „Früher musste ich morgens um neun hier stehen, mir im Winter die Füße abfrieren, immer hoffen, dass ein Spieler Lust hat, was zu erzählen“, sagt Christian Ortlepp, seit mehr als zehn Jahren fester Teil des Medienkosmos rund um den FC Bayern. Zurzeit arbeitet er für das Deutsche Sportfernsehen (DSF). „Wenn es blöd lief, stand ich bis um zwei und musste mir dann anhören, dass es gerade gar nicht geht, weil zu Hause das Essen auf dem Tisch steht oder der Goldhamster der Freundin gestorben ist.“ Der „Orti“ ist eine besondere Nummer an der Säbener Straße. Mit seinen bestickten Designerjeans und einer Duftwasserwolke, die ihn immer begleitet, sucht er stets besondere Nähe zu den Profikickern. Der Orti, das war immer ein Hektiker. Ortlepp braucht nicht nur wie die Zeitungsleute dieses oder jenes Zitat, um daraus eine Geschichte zu stricken. Er braucht auch noch die Bilder dazu.

Neuerdings trudelt Christian Ortlepp erst mittags mit seinem Kamerateam am Trainingsgelände ein. Um 13 Uhr 15 beginnt das Medienzeitfenster im Tagesplan des FC Bayern. Dann kann er drei Spieler für jeweils 15 Minuten interviewen. Um 14 Uhr, wenn das Zeitfenster sich schließt, hat er die Bilder im Kasten, die er für die Nachrichtensendung am Abend braucht. „Für mich als Fernsehmann ist das ein irrsinniger Gewinn“, sagt Ortlepp. „Es ist hochprofessionell, wie das hier läuft.“

Er klingt fast ein wenig ungläubig. Ortlepp war wie alle anderen Bayern-Reporter äußerst skeptisch, wie es werden würde, wenn Jürgen Klinsmann seine Arbeit als Trainer und Chefbestimmer beim FC Bayern aufnimmt. Klinsmann – so die Befürchtung – ist kein Journalistenfresser wie Otto Rehhagel, der ständig Verachtung für die Medienschar versprüht, aber sich wenigstens dem Gespräch stellt. Klinsmann, das ist jemand, der die Schotten runterlässt und uns am ausgestreckten Arm verhungern lässt, raunte man sich zu. Englische Verhältnisse würden an der Säbener Straße einkehren, wo Trainer oft gar nicht mehr mit Medien sprechen, nur via vereinseigenen Web-TV.

So enthusiastisch wie Ortlepp äußern sich Printjournalisten zwar nicht, nun, da der erste Klinsmann-Monat in München vorbei ist. Dass die Arbeitsbedingungen besser geworden sind, ist unstrittig. In der Vor-Klinsmann-Zeit fand auch täglich eine Pressekonferenz statt. Nur wusste niemand genau, wann. Meist hing das von der Laune des Spielers ab. War sie schlecht, dauerte der Termin nach eineinhalbstündiger Wartezeit oft fünf Minuten. Heute ist klar, dass die eingeteilten Spieler drei Gesprächsrunden à 15 Minuten zu absolvieren haben. „Es gibt für uns mehr Angebot als früher“, sagt Mario Volpe, der für die „tz“ arbeitet, eine von drei örtlichen Boulevardzeitungen neben „Bild“ und „Abendzeitung“.

Es ist aber nicht so, dass Klinsmann zum Journalistenversteher geworden wäre. Wie zu hören ist, musste Pressesprecher Markus Hörwick einige Sträuße mit Klinsmann ausfechten, um das Angebot auf die Beine zu stellen. Die Spieler sind dann entweder im Fernsehstudio oder kommen in die neuen Medienarbeitsräume, wo sie in einer Runde mit drei bis zehn Journalisten sitzen. Spektakuläre Neuigkeiten sind dabei noch nicht rumgekommen. Teil der neuen Kommunikationsstrategie des FC Bayern ist die gestiegene Bedeutung des eigenen Internetauftritts. Die Homepage und der dazugehörige Online- Fernsehkanal werden ständig mit exklusiven Interviews und Porträts gefüttert. Als Vorbild dienen dabei zweifelsohne Spitzenklubs aus England oder Spanien. „Der Exklusivitätsfaktor ist insgesamt gesunken“, sagt Volpe, „weil man zum Beispiel nicht mehr am Parkplatz mit den Spielern reden kann“. Heute verschwinden die Kicker mit ihren Autos in der neuen, bewachten Tiefgarage. Offenkundig haben die Spieler die Anweisung, außerhalb des Zeitfensters nicht mit Journalisten zu sprechen.

Das ist in der Bundesliga bislang einzigartig, aber angesichts einer sich rapide verändernden Medienlandschaft mit immer mehr Online-Portalen, die fast stündlich berichten müssen, auch interessant zu beobachten, sagt Katja Kraus, Vorstandsmitglied beim Hamburger SV. Gunnar Jans, Sportchef der „Abendzeitung“, sieht die Entwicklung gelassen. „Mal im Ernst, die zwei Sätze, die einem ein Spieler durchs Autofenster hinwirft, sind keine wirklich brauchbare Information.“ Wenn alle gleiche Informationen hätten, komme es darauf an, „wie man das journalistisch aufbereitet“.

In einem sind sich alle Journalisten einig: Dass die Medienpolitik des FC Bayern erst dann wirklich auf die Probe gestellt wird, wenn die Saison begonnen hat, wenn die ersten Niederlagen kommen, wenn erste Spieler unzufrieden werden, weil sie weniger spielen, als sie sich erhofft hatten. Wenn nach der Partie Journalisten und die aufgewühlten Kicker in der Mixed Zone aufeinandertreffen, fallen zwangsläufig verräterische Sätze, die Einblicke ins Innenleben von Spieler oder Mannschaft gewähren. Im Trubel der Mixed Zone, so viel ist gewiss, wird auch Christian Ortlepp wieder in seine altbekannte Hektik verfallen.

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