JUGEND OHNE FERNSEHGOTT : Kann nichts, will nichts, taugt nichts

Lena Meyer-Landrut ist nur die Ausnahme von der Fernsehregel: Jugend ist ein hoffnungsloser Fall. Eine derartige Jugend können sich aber nur alte TV-Leute ausdenken. In Wahrheit ist es nämlich noch viel schlimmer.

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Ärgernis. Jenifer ist agressiv und wurde von der Mutter in ein Camp geschickt, zu sehen in der Soap „Teenager außer Kontrolle“. Foto: RTL
Ärgernis. Jenifer ist agressiv und wurde von der Mutter in ein Camp geschickt, zu sehen in der Soap „Teenager außer Kontrolle“....

Man wundert sich, dass die noch nicht losgezogen sind, um alles kaputt zu machen. Man wundert sich, dass Jugendliche noch nicht zum ZDF marschiert sind oder zu RTL oder zu all den anderen Sendern, um den Verantwortlichen mal deutlich ihre Meinung zu sagen. Um ihnen zu zeigen, dass sie so, wie es die Sender darstellen, nicht sind, dass sie anders sind, besser, schlauer, schöner als all die Bilder, die das deutsche Fernsehen von ihnen zeigt. Man wundert sich, dass sie nicht protestieren gegen diese offensichtliche Kampagne, die seit einigen Jahren bereits läuft, in der das deutsche Fernsehen aus Jugendlichen einen Ansammlung von ungebildeten Vollidioten macht – man wundert sich, dass, wenn die Jugendlichen tatsächlich mal zu den Sendern marschieren, sie sich nur in der Schlange anstellen, die zum nächsten Casting von „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany’s Next Topmodel“ führt. Und dann glaubt man, dass das Fernsehen vielleicht doch recht hat mit seinem Bild der Jugendlichen.

Was zeigen die Sender denn? Wenn man RTL anschaltet, sieht man Jugendliche, denen man im Prinzip die bürgerlichen Ehrenrechte absprechen müsste, bei manchen Formaten gilt das auch für die Eltern: Beim Erziehungsporno „Supernanny“ gewinnt man ein Bild von überforderten Eltern, vor allem von jungen Menschen, die kurz davor sind, sich für eine andere RTL-Sendung zu empfehlen, für „Teenager außer Kontrolle“. Pubertierende Jungs und Mädchen, die sich gesellschaftlichen Normen vollends entziehen. Ähnliche Formate laufen auf anderen Privatsendern, heißen „Die Mädchengang“ oder so ähnlich und zeigen junge Menschen am Abgrund. Das Bild nimmt Gestalt an, es zeigt: 16-Jährige, die nicht richtig Deutsch können, rauchen, saufen, Drogen fressen, Konflikte mit Gewalt lösen, ihrem Handy mehr vertrauen als der Polizei. Diese Jugend kann nichts, will nichts und stellt eine Gefahr für den rechtschaffenen Fernsehzuschauer her.

Die Sender bieten aber auch eine Lösung an – und zwar Castingshows. Da wird noch aus dem miesesten Schulabbrecher ein passabler Sänger, aus der hohlsten Nuss ein „Model“. Man muss nur „hart arbeiten“ und „an seinen Traum“ glauben, dann „könne man alles schaffen“. Nebenbei werden die Jugend und der Fernsehzuschauer also auch noch für komplett bescheuert erklärt.

Nun bildet jeder Sender in Wahrheit nur seine Zuschauer ab, etwas überzeichnet natürlich, im Grunde ist das TV-Programm eine Art Spiegel. Deshalb war es immer noch ein rührender, ein guter Versuch, als das ZDF im vergangenen Sommer seine Version einer Castingshow im Programm hatte: „Ich kann Kanzler“ wollten zwar wenige sehen, einige Kritiker wollten das nicht verstehen. Der Ansatz jedoch war richtig: junge Menschen zu zeigen, die sich engagieren, die gestalten möchten, etwas verändern – die sich über das Land und die Welt Gedanken machen. Die Sendung scheiterte, was nicht den Mangel des Formats bewies, sondern eher die Tatsache, wie schlecht es bereits um die Beziehung zwischen der Jugend und dem Fernsehen bestellt ist.

Anfang der 90er Jahre war das anders. Damals waren MTV und Viva ernst zu nehmende Sender, vor allem dadurch, dass sie der Jugend etwas gaben, was Jugend mehr braucht als alles andere: Haltung. MTV und Viva hatten eine Haltung, die teilten sie mit ihren Zuschauern – durch Musikvideos, durch den Stil und die Moderatoren. Stefan Raab und Heike Makatsch begannen bei Viva, Christian Ulmen bei MTV. Sie zeigten im Fernsehen, was Jugend sein kann. Damals war Jugend auch noch ein Wert, ein Versprechen. Heute ist sie, wenn man den Fernseher einschaltet, ein Ärgernis. Die Ausnahme ist, natürlich, Lena Meyer-Landrut. Es geht jetzt nicht darum, ob sie singen kann oder am Samstag beim „Eurovision Song Contest“ eine Chance hat. Es geht darum, dass die damals 18-Jährige plötzlich da war, in einer Fernsehshow, dass etwas passierte. Ja, mit Lena war plötzlich auch die bürgerliche, gesamtschulartige Jugend zurück im Fernsehen. Das ist ein Segen für die ARD. Vor allem war da aber noch etwas anderes: eine Art von Unbekümmertheit, von Normalität. Es ist ja Quatsch, dass manche Lena für ein wenig irre halten. Das schaffen nur die, deren Bild von Jugend in den vergangenen Jahren durch das Fernsehen zerstört wurde. Lena rückte dieses Bild wieder gerade. So sieht Jugend eben auch aus, auch das sind ihre Insignien: Abitur, Verwirrtheit, in abseitigen Popsongs Erlösung und Antworten finden, und immer ein bisschen so zu tun als ob. Als ob man das alles wahnsinnig locker nehmen würde. Als ob einem das Leben nichts anhaben kann. Als ob man einen coolen Akzent habe. Als ob das alles genau so richtig wäre. Mit Lena ist eine Haltung ins deutsche Fernsehen zurückgekehrt.

Zugegeben: Das Fernsehen war niemals in seiner Geschichte ein Medium für junge Menschen – die haben Besseres zu tun, als sich vor das Ding zu setzen. Junge Menschen müssen vor die Tür und der Welt ins Gesicht lachen. Dabei müssen sie das Scheitern lernen und das Aufstehen, die Liebe und die Freundschaft. Sie müssen für einen Moment davon überzeugt sein, dass der Rock ’n’ Roll die Antwort auf alle Fragen ist, sie müssen aufbegehren und wütend sein und die Welt verfluchen. Und sie müssen das Fernsehen verfluchen, jenes Gerät, das den Menschen weismachen will, dass Jugend eine Veranstaltung pubertierender Geisteskranker ist. So etwas können sich wirklich nur alte Leute ausdenken. In Wahrheit ist es nämlich noch viel schlimmer.

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