Medien : Kein Feuer in der Nacht

Experiment gescheitert: Das ZDF-Live-Movie lief leer

Barbara Sichtermann

Ein Thriller – live? Eine ausgedachte Geschichte, von den Schauspielern dargeboten zur selben Stunde, in der sie auch gesehen wird? Gibt’s das? Im Fernsehen selten. Aber so hat es mal angefangen. Bevor die MAZ-Technik erfunden war und TV-Movies aufgezeichnet werden konnten, liefen Soap-Operas und Serien so über den Sender, wie sie zeitgleich gespielt wurden.

Wenn man heute zu diesen Anfängen zurückkehrt, dann wohl, weil man sich was davon verspricht. Eine Live-Produktion bringt immer eine Extra-Spannung mit: Was wir da sehen, passiert jetzt. Schummeln ist nicht möglich, Wiederholungen sind ausgeschlossen, hic Rhodos, hic salta. Und: Für die Schauspieler ist es ja doch eine Qual, wenn sie beim Drehen mit dem Ende anfangen müssen und gleich nach Szene 23 kommt Szene sieben. In einem Live-Movie können sie sich wie auf der Theaterbühne verausgaben, mit dem Beginn beginnen und die Geschichte hintereinanderweg zum Vortrag bringen. Das Stück bzw. Drehbuch muss aber auch danach sein. Während die Einheit des Ortes nicht unbedingt gewahrt zu werden braucht, da mehrere Kameras von verschiedenen Schauplätzen aus Bilder liefern können, ist die Einheit der Handlung und der Zeit unabdingbar. In 90 Minuten muss sich zutragen, was uns Regisseur und Drehbuchschreiber mitzuteilen haben.

Der Autor des Live-Movies „Feuer in der Nacht“, das am Montag im ZDF lief, heißt Richard Reitinger, und er erzählt eine Geschichte, die genauso ausgeht wie sie anfängt. Ein unglückseliger Familienvater mit Namen Karl (Christian Berkel), der von Weib und Kind verlassen wird, ist fertig mit der Welt und spielt mit dem Gedanken an ein gewaltsames Ende – der Frau Paola (Martina Gedeck), der Tochter Angie (Alice Dwyer) und seiner selbst. Am Ende des Films machen Mutter und Tochter das, was sie auch am Anfang machen wollten: sie reisen ab. Dem unglückseligen Familienvater bleibt nur mehr die Möglichkeit, Hand an sich selbst zu legen. Eine Nebenhandlung, in der ein von Angie per Telefonseelsorge alarmierter junger Typ auftaucht, um das Schlimmste zu verhüten, bewirkt nichts. Im Grunde gibt es keine Geschichte, weil nichts passiert, nur leere Drohungen und unmotiviertes Gefuchtel. Man weiß nicht mal, warum der arme Karl so unglückselig ist. Er steht schließlich nur vor dem Ende einer durchschnittlichen Ehe, in der es, wie Paola bezeugt, im Grunde „normal“ zuging.

Vermutlich hat der Autor vor lauter Angst, die Einheit der Zeit und der Handlung zu verletzen, darauf verzichtet, seinen Figuren eine Entwicklung und der Story einen Spannungsbogen mitzugeben. Und vor lauter (berechtigter) Angst, ihr Publikum zu Tode zu langweilen, haben die sonst doch achtbaren Schauspieler chargiert und auf die Tube gedrückt, dass es eine Art hatte. Die Regie vermochte nicht viel, da der nachträgliche Schnitt und die durch ihn mögliche Rhythmisierung des Films ausgeschlossen waren. Sie musste sich obendrein (warum bloß?) mit einem öden Szenenbild (Büro Telefonseelsorge, Karls Tempelhofer Heim) unter schlechtem Licht begnügen. Die Nervosität, die Live-Produktionen immer anhaftet und die Shows oder Talkformaten gut tun kann, machte diesen ohnehin fehlkonstruierten Thriller völlig zunichte. „Live“ brachte nur Defizite ein und keinen Gewinn.

Vielleicht hätte man noch mutiger sein sollen und nur Handlungslinien vorgeben und die Schauspieler improvisieren lassen.

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