Medien : „Kein Geld, kein Spaß“

Der Streik der US-Drehbuchautoren fordert erste Opfer: Keine Talkshows mit Jay Leno und David Letterman

Rita Neubauer
Autorenstreik
Alle Formate stehen still, wenn die US-Drehbuchautoren streiken. -Foto: AP

Jay Leno machte kurzen Prozess. „Die Autoren streiken. Gute Nacht!“, verkündete der NBC-Talkmaster der „Tonight Show“ am Montag und marschierte aus dem Studio. Ein deprimierender Abend auch für alle Fans von Stephen Colbert. Statt seiner bissigen Kommentare mussten amerikanische Fernsehzuschauer mit einer Wiederholung des „Colbert Reports“ Vorlieb nehmen. Bei „Ellen“, der Show von Ellen de Generes, sowie bei der „Late Show with David Letterman“ blieben die Scheinwerfer ebenfalls kalt.

Insgesamt mussten mindestens sieben Late-Night-Shows in der Nacht zu Dienstag Wiederholungen ausstrahlen. Das ist die Konsequenz, wenn 12 000 Mitglieder der Writers Guild of America (WGA) zum Arbeitskampf greifen – statt für Colbert & Co. neue Gags aus dem Computer zu hämmern. Rund 1000 Mitglieder der Autorenvereinigung waren am Montag, dem ersten Streiktag, auf die Straße gegangen. Die einen vor dem Rockefeller Center in New York, dem Sitz von NBC, mit einer aufblasbaren Ratte. Die anderen an der Westküste, in Burbank und Studio City, wo sie „No Money! No Funny!“ (Kein Geld, kein Spaß!) skandierten.

Wenn auch Touristen in New York etwas irritiert auf die gut gekleideter Streikposten starrten, sie fanden durchaus Solidarität. In Burbank rauschte gar Jay Leno auf dem Motorrad an und brachte Doughnuts. Seine Erkenntnis: Ohne seine 21 Gagschreiber sei er überhaupt nicht witzig. „Ich bin ein toter Mann.“ Vor Paramount Pictures unterstützten Schauspieler William Baldwin und andere Promis ihre Kollegen mit Kaffee.

Talkshows waren die ersten Opfer des unbefristeten Streiks zwischen Autoren und dem Produzentenverband AMPTP, da hier die Gags in letzter Minute produziert werden. Zieht sich der Ausstand jedoch in die Länge, werden ebenso Serien wie „24“, Seifenopern und schließlich Filme in Mitleidenschaft gezogen. Kurzfristig halten sich die Auswirkungen auf die großen Hollywood-Studios jedoch in Grenzen. Viele haben ausreichend Reserven an vorproduzierten Filmen. Bei den Seifenopern reicht das abgedrehte Material angeblich bis zum Jahresende.

Es ist der erste Streik in knapp 20 Jahren und ein Streik, den niemand so recht wollte. Doch nach dreimonatigen Verhandlungen ohne Ergebnis – noch am Sonntag hatte die WGA einen Kompromiss signalisiert – blieb nach Meinung von Robert Towne kein anderer Ausweg. „Ein Streik ist wie Krieg: Niemand siegt wirklich, aber er ist trotzdem manchmal unvermeidbar“, urteilte der preisgekrönte Autor gegenüber der Presse.

Bei den Forderungen der Kreativen geht es vor allem um Einnahmen aus den neuen Medien, um mehr Beteiligung an DVD-Verkäufen und eine schnellere Bezahlung für Programme, die über das Internet oder das Handy verbreitet werden. So bekommt ein Autor gerade vier oder fünf Cents von jeder verkauften DVD. „Peanuts“ nach Meinung der Streikenden, die mindestens das Doppelte verlangen. Auch gehen Autoren bei sämtlichen Downloads von Internetseiten wie iTunes leer aus, und nur 1,2 Prozent der Einkünfte beim einmaligen Hochladen von Programmen ins Internet fließen in ihre Taschen. Die Produzenten verweigern eine höhere Beteiligung bislang mit dem Argument, dass die sich schnell ändernde Technologielandschaft dies wirtschaftlich noch nicht trage.

Allerdings wurde auch schnell klar, dass dieser Ausstand in Hollywood und nicht in Detroit oder Chicago stattfindet. Statt Arbeitsschuhen und Drillich trugen die Aufständischen schickes Schuhwerk und Designerbrillen. Sobald der Streikanführer ein Päuschen machte, wurde zum Blackberry und einem warmen Starbucks-Kaffee gegriffen. Ganz schwer hatten es die Gagschreiber, die sich redlich mühten, der ernsten Situation ein entsprechendes Gesicht zu zeigen.

Der Streik ist eine Herausforderung für die Gewerkschaft. Nicht nur, weil viele der Kreativen zum ersten Mal protestierend auf der Straße stehen. Es ist ein logistisches Problem, da mehrere hundert Studios und Drehorte bestreikt werden müssen. Und nicht zuletzt muss die WGA Sympathie schüren für Leute, die mit einem durchschnittlichen Jahresverdienst von mehr als 100 000 Dollar und guter Sozialversicherung nicht gerade zu den Ärmsten zählen.

So oder so drohen der Unterhaltungsindustrie enorme Verluste. Betroffen sind neben den über 200 000 Beschäftigten in der Film- und Fernsehindustrie Tausende, die in anderen Teilen des Landes oder im Ausland für Hollywood arbeiten. Ein Streik ist auch kein gutes Omen für die Wirtschaft im südlichen Kalifornien, die jetzt schon unter der lähmenden Immobilienkrise leidet. Hollywood pumpt rund 30 Milliarden Dollar jährlich in die Kassen des Großraums Los Angeles.

„Ich fürchte, dass für jeden eine schlimme Zeit ansteht“, meint Autor Norman Lear, der sich an die 80er Jahre erinnert, als fünf Streiks für Unruhe sorgten. Damals allerdings waren noch rund 95 Prozent der Autoren organisiert. Heute sind es nur noch etwa 55 Prozent, da Unternehmen wie Viacom bevorzugt nichtorganisierte Autoren beschäftigen.

Zudem haben sich die Verhältnisse für beide Seiten seitdem enorm geändert. Die Position der Gewerkschaftler wird durch die Zunahme von Realityshows erodiert. Und alle großen Studios sind heute Teil von gerade sechs Medien- und Industrieriesen: General Electrics, News Corp, Sony, Time Warner, Viacom und Walt Disney Company. Und die haben bekanntlich tiefe Taschen.

Der letzte Streik mit Verlusten von 500 Millionen Dollar dauerte immerhin fünf Monate, was selbst Auswirkungen auf die größte Show in Hollywood, die Oscar-Verleihung, hatte. Sie steht im Februar an, zum 80. Mal.

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