Kika-Prozess : Geständnis zum Auftakt

In Erfurt hat der Prozess gegen den früheren Top-Manager begonnen, der den Kinderkanal um Millionen betrogen haben soll. Warum der Angeklagte den Betrug mit seiner Spielsucht erklärt.

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Der Gesamtschaden soll bei 8,2 Millionen Euro liegen. Ein Teil der Fälle ist bereits verjährt. Foto: dapd
Der Gesamtschaden soll bei 8,2 Millionen Euro liegen. Ein Teil der Fälle ist bereits verjährt. Foto: dapdFoto: dapd

Es muss eine Demütigung für Marco K. sein, wie er in den Gerichtssaal gebracht wird. Zwei Polizisten bewachen ihn, an Händen und Beinen haben sie ihm Stahlfesseln angelegt. Einst galt der 43-Jährige als großes Tier beim Kika, dem gemeinsamen Kinderkanal von ARD und ZDF. Damals holte ihn jeden Morgen ein Chauffeur von zu Hause ab, im Spielcasino soll er dem Barkeeper öfter mal 100 Euro Trinkgeld zugesteckt haben. Doch vorigen Dezember wurde der Herstellungsleiter direkt im Sender verhaftet. Seitdem sitzt er in U-Haft.

Was diesem Absturz vorausging, wird seit Montag vor dem Landgericht der thüringischen Landeshauptstadt verhandelt. Die Staatsanwaltschaft Erfurt wirft Marco K. Bestechlichkeit und Untreue vor. Er soll zusammen mit dem Geschäftsführer einer Berliner Medienfirma den Kika um 4,6 Millionen Euro geprellt haben, wovon ihm gut die Hälfte zufloss. „Er wies Rechnungen an, obwohl er wusste, dass keine Leistungen zugrunde lagen“, sagte Staatsanwalt Frank Riemann. Nach einem Untersuchungsbericht des für den Kika zuständigen Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) liegt der Schaden sogar bei 8,2 Millionen Euro. Allerdings sind die Fälle vor November 2005 verjährt.

Seit seiner Verhaftung hat Marco K. nichts zu den Vorwürfen gesagt. Aber am ersten Prozesstag bricht er sein Schweigen. Eingerahmt von seinen beiden Anwälten liest der stämmige Mann, der als Jugendlicher Ruder-Leistungssport betrieb und zwei Mal DDR-Meister war, ein Geständnis vor. Er hat eine leise, angenehme Stimme. Er weiß sich auszudrücken und sagt „Entschuldigung“ in Richtung des Vorsitzenden Richters Thomas Schneider, wenn er sich versprochen hat.

Die Vorwürfe seien „vollinhaltlich zutreffend“, beginnt er sein Geständnis. Demnach waren er und der damalige Geschäftsführer der Berliner Filmfirma die einzigen Beteiligten an den Machenschaften. Ausgangspunkt sei gewesen, dass die Firma den Auftrag für eine Sendung des Kinderkanals verlor. Der damalige Kika-Geschäftsführer habe Marco K. deshalb aufgefordert, den Auftragsverlust „sozial verträglich abzufedern“. Das war der Ausgangspunkt. Aber zur eigentlichen Triebfeder, so jedenfalls stellt es der Angeklagte in seinem halbstündigen Geständnis dar, sei seine „massive Spielsucht“ geworden. Bei einer Reise 1996 in die USA habe er Spielautomaten kennengelernt. Von da an habe sich sein Privatleben faktisch nur noch in Spielhallen zugetragen. Mehrfach in der Woche sei er in Casinos gegangen. Erst in Berlin, nach der Eröffnung eines Casinos in Erfurt dann dort.

„Wenn ich an meinem Lieblingsautomaten sitze, bin ich in einer anderen Welt“, sagt der Angeklagte bei der Befragung durch das Gericht. „Das ist mein bester Freund. Ich spreche mit ihm. Ich will mit ihm allein sein.“ Bis zu 40 000 Euro will er an einem einzigen Tag losgeworden sein. Mit dem Spielen habe er die Frustrationen von der Arbeit verdrängen wollen. Ob die Spielsucht die alleinige Triebfeder war, scheint die Staatsanwaltschaft zu bezweifeln. Auch sein luxuriöser Lebensstil steht zur Debatte. Immerhin bezahlte Marco K. für eine Wohnung in Erfurt 1000 Euro Miete und für eine weitere Wohnung in Berlin sogar 2900 Euro – und das bei einem Nettoeinkommen von 4800 Euro.

Der Berliner Gutachter Werner Platz soll nun im Auftrag der Verteidigung das Ausmaß der Spielsucht klären. Anwältin Doris Dierbach macht aber auch eine mangelnde Kontrolle beim öffentlich-rechtlichen Sender für die Vorgänge verantwortlich: „Wenn jemand mal beizeiten gefragt hätte, wäre das nicht passiert.“

Marco K. beendet sein Geständnis mit tiefstem Bedauern und der Bitte um Entschuldigung. Als ihn das Gericht auf den Imageschaden für den öffentlich-rechtlichen Sender anspricht, sagt er: „Ich hoffe, dass die Kinder den Sender weiter mögen und sehen.“ Eike Kellermann

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