Medien : Kinder als Killer

„Lost Children“: eine preisgekrönte Doku bei Arte

Christina Tilmann

Die Regisseure waren mit ihrem Film beim Bundespräsidenten im Schloss Bellevue zu Gast. Und im Deutschen Bundestag, als der Entwicklungsausschuss über einen Einsatz in Nord-Uganda beriet. Sie haben für „Lost Children“ den Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm des Jahres gewonnen. Und, was wichtiger ist: Sie haben ihren Protagonisten in Uganda ein neues Leben ermöglicht. Jennifer, die eine Stelle als Näherin gefunden hat, nennt ihren Sohn Ali, nach dem Regisseur Ali Samadi Ahadi. Francis und Kilama gehen wieder zur Schule.

„Ein harter Film, den man nur einmal im Leben sieht“, hat Berlinale-Chef Dieter Kosslick bei einer Vorführung gesagt – auf der Berlinale 2005 war „Lost Children“ der Film, der die meiste Aufmerksamkeit fand. Und dennoch ist es sicher keine leichte Entscheidung der Mitproduzenten WDR und Arte gewesen, ihn nun in der 58-minütigen Kurzversion zur Hauptsendezeit im Fernsehen zu bringen. „Solche Filme laufen bestenfalls im Mitternachtsprogramm“, hatten die Regisseure zuvor befürchtet. Dass sie überhaupt laufen, ist schon eine große Tat.

Es sind nicht so sehr die Bilder, die verstören: nur kurz schwenkt die Kamera zu Beginn des Films durchs Gebüsch, man sieht, ahnt eigentlich mehr, Körper, Leichen, Gliedmaßen im Staub. Der wirkliche Schrecken kommt durch Worte: aus dem Mund von Kindern, die leise, stockend, manchmal fürchterlich gleichgültig und ungerührt erzählen, wozu die Soldaten von der Rebellentruppe „Lord’s Resistance Army“ sie zwangen: Sie erzählen von der Mutter, die sie vor den Augen ihrer Kinder hinrichteten, vom Hirn Getöteter, das sie tranken, wie sie mit Köpfen Fußball spielten und immer in der Angst lebten, wenn ich nicht selbst töte, werde ich getötet. Man beginnt zu ahnen, warum Rebellen Kinder entführen und zu Killern abrichten. Sie sind lenkbare Waffen – und für’s Leben verdorben.

Regisseur Ali Samadi Ahadi weiß, wovon er spricht: Er wäre als 13-Jähriger im Iran fast selbst in den Krieg gegen den Irak geschickt worden und floh nach Deutschland. Daher vielleicht die Leidenschaft, die er in seinen ersten Langfilm steckt. Schon die Produktion war ein Wagnis: Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi haben monatelang vier ehemalige Kindersoldaten im Krisengebiet von Norduganda begleitet – verkleidet als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. Gefilmt wurde per kleiner DVD-Kamera, immer in Naheinstellungen – die Totale, der große Schwenk ist zu gefährlich, und erst recht gefährlich ist es, mit der Kamera gesehen zu werden, wenn überraschend Rebellen auftauchen. Das Auffanglager der Caritas, wo die Kinder gesammelt, medizinisch und psychologisch betreut und resozialisiert werden, wurde nach den Dreharbeiten mehrfach überfallen. Filmen in Nord-Uganda ist lebensgefährlich. Dort zu leben, Kind zu sein, noch mehr. „Lost Children“ gibt zumindest eine Ahnung davon.

„Lost Children“; Arte, 20 Uhr 40

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