Kino im TV : „Das Gute, das ist ja meistens langweilig“

Eine Frau, ein Vergewaltigungsopfer in Berlin 1945: ein Gespräch mit der Schauspielerin Nina Hoss über „Anonyma“

Frau Hoss, nur 137 000 Zuschauer haben sich im Kino „Anonyma“ angesehen. Ist ein Film über die Vergewaltigungen zehntausender Frauen 1945 durch die Soldaten der Roten Armee im Fernsehen besser aufgehoben?

Ehrlich gesagt habe ich damit gerechnet, dass „Anonyma“ im Kino nicht viele Zuschauer erreichen wird. Um sich anderthalb Stunden in einen Kinoraum zu setzen und mit diesem Thema konfrontieren zu lassen, dafür braucht es Energie und Kraft. Im eigenen Wohnzimmer vorm eigenen Fernseher haben die Menschen hoffentlich nicht eine so große Scheu, sich dem Thema zu stellen – denn wenn’s zu schlimm wird, können sie immer noch umschalten.

Die Vergewaltigungen werden im Film zumeist gar nicht gezeigt, sondern nur angedeutet. Kann der Film trotzdem vermitteln, was passiert ist?

Eine Vergewaltigung ist ja nicht deswegen schockierend oder bleibt im Kopf haften, weil man sie explizit zeigt. Ohnehin können diese Bilder heute wahrscheinlich kaum noch schockieren, weil wir fast tagtäglich schreckliche Szenen in den Medien sehen. In dem Film geht es eher darum, eine Atmosphäre zu transportieren. Man sieht, wie die Frauen mit dieser Gewalt umgehen, wie sie versuchen zu verstehen oder einfach auch nur zu überleben. Diese Atmosphäre ist unter Umständen sogar viel bedrückender als brutale Bilder.

„Anonyma“ hat es wirklich gegeben, Martha Hillers lieferte mit ihrem autobiografischen Buch „Eine Frau in Berlin“ die Vorlage, in der sie ihre Erlebnisse als Vergewaltigungsopfer 1945 beschreibt.

Ich glaube, dass ihr das Schreiben dabei geholfen hat, sofort eine Distanz zum Erlebten aufzubauen und es von sich fern zu halten. Sie schreibt ja: Mein „Ich“ soll das nicht erleben. Ihre Seele will sie sich nicht zerstören lassen.

Die Vergewaltigungen von 1945 waren lange ein Tabuthema, auch Hillers wollte bis zu ihrem Tod 2001 als Verfasserin des Buchs anonym bleiben. Haben Sie mit dem Film das Tabu gebrochen?

Sicher war dieser Zeitraum ein Tabuthema, aber inzwischen ist der zeitliche Abstand groß genug, es wird mehr über das Thema gesprochen. Aber ich hoffe, dass sich insbesondere junge Menschen für diesen Film interessieren, denn man fängt an, anders über die eigenen Großeltern nachzudenken.

Inwiefern?

Ein Freund hatte mir zum Beispiel erzählt, dass seine Großmutter eine tiefe Ablehnung gegen alles Fremde hatte. Da kamen rassistische Äußerungen, die eruptiv aus ihr herausbrachen. Er hat das nie verstanden, bis ihm der Gedanke kam, dass sie wahrscheinlich im Krieg vergewaltigt worden war. Der Film regt an, noch mal anders über die eigene Familie nachzudenken.

Haben Sie mit Ihren Großmüttern über diese Zeit gesprochen?

Meine Großeltern sind leider sehr früh verstorben. Die eine Großmutter befand sich in Schleswig-Holstein, wo die Amerikaner waren, ihr ist da nichts passiert, genau so bei meiner anderen Großmutter im Rheinland. Ich wüsste deshalb nicht, dass in meiner Familie solche Vergewaltigungen vorgekommen sind.

Nicht nur damals, sondern auch heute noch werden Vergewaltigungen als Mittel im Krieg eingesetzt, beispielsweise im Kongo.

Umso wichtiger ist es, dass man darüber redet und sich mit dem Thema beschäftigt. Vor allem die Männer selber sollten es zu ihrem Thema machen. Warum ein Mann eine Frau vergewaltigt, diese Lust, sich jemanden zu unterwerfen, benutzbar zu machen, derartig zu demütigen, das werde ich nie verstehen.

Schreiben Sie auch Tagebuch wie „Anonyma“?

Ich setzte mich nicht jeden Abend hin und schreibe, was ich so am Tag erlebt habe. Dazu ist das meiste auch zu unerheblich. Ich schreibe eher Arbeitstagebücher oder mache mir Notizen. Manchmal jedoch schreibe ich auch, um Erlebnisse zu verarbeiten. Denn wenn man nach Begriffen oder Formulierungen suchen muss, relativiert sich manches.

Schlimmes wird erträglicher, Gutes verstärkt sich?

Tatsächlich schreibe ich meistens nur etwas auf, wenn ich mich ärgere. Das Glück, das Gute und die Harmonie – das alles ist ja meistens eher sehr langweilig zum Erzählen.

Dabei können Sie viel vom Glück erzählen. Seitdem Sie 1996 mit dem TV-Film „Das Mädchen Rosemarie“ ihren Durchbruch hatten, haben Sie in fast all Ihren Rollen reüssiert. Woher wissen Sie so genau, welche Aufgaben zu Ihnen passen?

Ich weiß nicht, was zu mir passt – sondern nur, was mich interessiert und zwar in dem Moment, wo ich ein Drehbuch lese. Aber ich habe mich da auch schon vertan. Vielleicht habe ich einfach Glück in dem, was mich interessiert.

Was sind Sie denn für ein Typ?

Auch das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass mich Herausforderungen interessieren, ich nicht stehen bleiben will. Das beinhaltet auch, dass man scheitern kann. Aber ich riskiere gerne etwas.

Sind Sie auch deshalb nach „Das Mädchen Rosemarie“ nicht ganz bequem auf den Eichinger-Eventmovie-Zug aufgesprungen?

Ich war 19, als er mir den Film angeboten hat, 20, als wir ihn gedreht haben. Ich kam hinein in diese Film- und Fernsehwelt, von der ich keine Ahnung hatte. Es war eine großartige Arbeit, und der Film hat mir viele Türen geöffnet. Das hat mir großen Spaß gemacht, aber ich wollte auf die Bühne, ich wollte ganz simpel Studentin an der Schauspielschule sein und mir diese Zeit auch nicht nehmen lassen. Davon hatte ich geträumt, seit ich als Zwölfjährige „Fame“ gesehen hatte.

Ein Musical-Film, der nichts mit großem ernsthaften Theater zu tun hat, das Sie heute spielen.

Ich lasse mich nicht gerne festlegen. Was man kann und was man nicht kann, findete man erst in dem Augenblick heraus, in dem man es probiert. Und Musicals habe ich als Kind geliebt, ich hab Zuhause auch immer getanzt und gesungen…

…mit der Haarbürste vorm Spiegel?

Nein, ich hatte so ein kleines Mikrofon und hab in einen virtuellen Zuschauerraum hinein gesungen.

Und, Applaus bekommen?

Ja, natürlich, immer, frenetisch.

Inzwischen wohnen Sie in Berlin. Was mögen Sie an der Stadt?

In Deutschland ist Berlin für mich die einzige Stadt, in der ich leben möchte. Was ich hier immer geliebt habe, ist die Freiheit, die ich hier im Kopf bekomme. Berlin regt mich an – im Gegensatz zu Städten wie München oder Stuttgart, wo ich mich immer ein wenig eingeengt gefühlt habe. In Berlin kannst Du Dich bewegen, wie Du möchtest, Du wirst nie schief angeguckt. Es gibt hier so eine seltsame Unaufgeregtheit. Und es ist sehr grün.

Das Gespräch führte Sonja Pohlmann.

„Eine Frau in Berlin – Anonyma“, Montag und Mittwoch, ZDF, jeweils um 20 Uhr 15

Nina Hoss, Jahrgang 1975, stammt aus einem liberalen Elternhaus in Stuttgart. Vater Willi Hoss war Gewerkschafter und Mitglied der Grünen, Mutter Heidemarie Rohweder Schauspielerin. Nach dem Studium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ nahm Nina Hoss Rollen am Deutschen Theater und im Berliner Ensemble an, unter anderem in Lessings „Emilia Galotti“.

Film-Erfolge waren unter anderem „Das Mädchen Rosemarie“ (1996), „Elementarteilchen“, „Wolfsburg“. Grimme-Preis für ihre Leistung in „Toter Mann“ (2001). Für „Yella“ erhielt Nina Hoss 2007 auf der Berlinale den Silbernen Bären .

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