Medien : Kitsch? Kult? Kunst?

Bilanz nach vier Wochen: Für „Stilbruch“ im RBB ist alles Kultur

Kerstin Decker

„Stilbruch“ ist natürlich ein kongenialer Name für ein Kulturmagazin; „Querstraße“ klang doch eher nach Einführung in den Straßenverkehr. Außerdem muss ein Stilbrecher absolut stilsicher sein. Stilsicherheit ist das Wissen darum, bis zu welchem Punkt man zu weit gehen kann. Und das interessiert selbst die Banausen. Somit ist „Stilbruch“ ein wunderbarer Integrationsbegriff – „Stilbruch“, die Sendung im RBB-Fernsehen für alle, die bei dem Wort Kultur schon Hautausschläge bekommen, und für die anderen sowieso. Beginnen wir mit den Äußerlichkeiten, denn nur kulturlose Menschen urteilen nicht nach der Oberfläche. In der letzten Ausgabe trug Moderatorin Christine Deggau zu ihren kurzen, blonden Haaren ein braun gewürfeltes Jackett. Ein Wagnis, ein Spiel mit der Hässlichkeit, aber absolut stilsicher: unauffällig auffallen! Die Liebhaber des alten Kulturbegriffs könnten diesen Ansatz loben für seine Zurückhaltung, die anderen finden es schräg.

„Stilbruch“. Auch ein Argumentationsbegriff. Denn ein Stilbrecher muss besonders gut begründen können, wo er hingeht und wohin lieber nicht. Als das neue Kulturmagazin vor vier Wochen zuerst mit Ulf Kalkreuth als Kulturführer anfing, versprach es, uns absolut stilsicher durch Kunst, Kult und Kitsch zu führen. Denn jeder potenzielle Stilbrecher hat einen sehr weiten Kulturbegriff.

Und den braucht man unbedingt für das meistgefürchtete kulturelle Ereignis der nächsten Wochen: „Herr der Ringe“, Teil drei, läuft an. Am Donnerstagvormittag war die Pressevorführung, am Abend sendete „Stilbruch“ den Bericht. Das ist Aktualität. Juliette Greco vorletzte Woche, von anderen glatt übersehen, hatte das Magazin auch rechtzeitig bemerkt. Und den nahenden 80. Geburtstag von Inge Keller. Und die neue Kneipe der früheren Ost-Bohème. Das war ein Bericht, an dem wir sofort erkannten, dass „Stilbruch“ auch viel Ahnung vom Osten hat, sonst hätte es gar nicht gewusst, dass Ost-Berlin eine eigene Bohème hatte. Ein Alt-Bohèmien sagte: „Wir sind oft schon sehr weit im Denken, ohne dass das auffällt.“ „Stilbruch“ war feinfühlig genug, diesen großen Underground-Satz auch zu senden.

Besonders mochten wir „Stilbruch“ für seinen Bericht über die alten Friedhöfe in Brandenburg, deren letztes Stündlein immer dann geschlagen hat, wenn ein ABM-Stoßtrupp naht zum „Ackerberäumen“. „Stilbruch“-Urteil: ABM macht ganze Kulturlandschaften platt.

Als furchtlos erwies sich in seinem Urteil der Beitrag über die Malerin Cornelia Schleime, indem er sich deren subversiven Ruf aus DDR-Tagen angesichts der neuen, „dekorativen Arbeiten“ gar nicht mehr erklären konnte. Das ist noch so ein der Vorteil der Stilbrecher. Ihre Urteile dürfen sehr ungerecht sein, Hauptsache, sie sind virtuos begründet. Denn ein Urteil ist auch nur eine Kunstform. Aber haben wir es beim „Herrn der Ringe“ nicht noch nötiger? Immerhin dauert der drei Stunden. Nun riecht es sehr mottenkugelig nach altem Kulturbegriff, den „Herrn der Ringe“ nicht gut zu finden. Also überließ man die Wertung der „FAZ“, einstige Vertreterin der Hochkultur. Die „FAZ“ sagte: „Es ist okay.“ Und dann sagte sie noch was von „altlinkem Klischee2 der „Herr der Ringe“-Gegner. Also dürfen nur noch Altlinke Schrott Schrott nennen? „Stilbruch“ hielt sich da raus. Da waren wir schon enttäuscht.

Eins macht uns ernsthaft Sorgen. In gewissem Sinne ist „Stilbruch“ noch mehr Verkehrsjournal als früher die „Querstraße“. Das ist Formel-1-Tempo. Kulturjournalseher mit Schleudertrauma-Risiko!

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