Medien : Krieg der Einträge

Bei Wikipedia mischen sich zunehmend Lobbyisten ein

Martin Hampel

Der Name ist griffig. „Edit War“ nennt es die Wikipedia-Gemeinde, wenn sich die Bearbeiter eines Artikels in der Online-Enzyklopädie partout nicht auf eine Definition einigen können. Krieg der Einträge. Und wie bei so vielen Kriegen geht es auch hier meist um Glaubensfragen.

Beispiel Scientology: Gehört es in ein Lexikon, dass die umstrittene Organisation in Mexiko, Taiwan und vielen anderen Ländern als gemeinnützig anerkannt wird? Oder steckt dahinter ein Manöver, um Scientology zu verharmlosen? Kann man Scientology als religiöse Organisation bezeichnen, wenn sie in Deutschland als solche nicht anerkannt ist?

Die Antwort ist auch das Problem: ja und nein. Je nach Uhrzeit, zu der man derlei pikante Begriffe bei Wikipedia nachliest, variieren die Inhalte, abhängig vom jeweiligen Bearbeiter. Das kann ein Scientologe ebenso wie ein Sympathisant, ein interessierter Laie oder ein Experte mit detailliertem Hintergrundwissen sein. Der Nutzer kann das auf den ersten Blick nicht erkennen.

„Fahrlässig“ nennt es deshalb Elisabeth Bauer, Administratorin der deutschen Wikipedia-Ausgabe, bei streitbaren Inhalten nur den aktuellen Eintrag anzuschauen. Vielmehr sollten die Nutzer auch die vorhergehenden Versionen zumindest überfliegen. Das freilich kostet Zeit und beraubt Wikipedia einer ihrer entscheidenden Stärken: der schnellen Verfügbarkeit von Wissen.

Je umstrittener das Thema, desto leidenschaftlicher werden die Edit-Wars geführt. Wer sich per Wikipedia über die Geschichte der Türkei kundig machen will, erfährt mal vom Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915, mal nicht. Je nachdem, ob der jüngste Bearbeiter den türkischen Nationalisten, die den Genozid leugnen, nahe steht oder nicht. Auseinandersetzungen werden im Zweifelsfall in das zu jedem Artikel bereitstehende Diskussionsforum verlegt. Wenn das nicht hilft, dann haben Administratoren wie Bauer das Recht, die Mitglieder zu sperren, „bis die sich beruhigt haben“.

Je brisanter ein Thema ist, desto schneller geht die Bearbeitung und desto stärker muss die Wikipedia-Gemeinde aufpassen, dass die Neutralität des Eintrags gewahrt bleibt. Der erste Eintrag zu den Londoner Bombenattentaten vom 7. Juli war binnen Stunden mehr als 2000 Mal geändert worden. Dass die Administratoren da die Übersicht behalten, ist fraglich. Die Masse der User werde schon als Filter funktionieren, meint Bauer.

Dass man mit der Manipulation von Wikipedia-Einträgen Werbung für seine Sache machen kann, scheint sich auch in der Politik herumgesprochen zu haben. Vor der Landtagswahl in Nordrhein- Westfalen hatten sich die Veränderungen in den Einträgen zu Jürgen Rüttgers und Peer Steinbrück gehäuft. So war in Rüttgers’ Eintrag der Verweis auf dessen umstrittene „Kinder-statt-Inder-Kampagne“ wiederholt gelöscht worden. Vieles deutet darauf hin, dass die Urheber mancher Manipulation auf Rechnern des Deutschen Bundestags gearbeitet haben.

Dass die Wikipedia-Administratoren die Notbremse ziehen und einen gesamten Eintrag aus dem Netz nehmen mussten, kam in der Geschichte der deutschen Wikipedia-Edition bislang erst einmal vor. Der Artikel „Sexueller Missbrauch von Kindern“ war wiederholt mit pseudowissenschaftlichen Studien angereichert worden, die die Folgen des Missbrauchs verharmlosten. Die Administratoren stellten im Februar eine Minimal-Version ins Netz. Sie ist nicht einmal mehr zehn Zeilen lang und kann nicht weiter bearbeitet werden.

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