KRIMI : Fertig mit der Welt

Im Ludwigshafener „Tatort“ scheint Lena Odenthal diesmal auf der falschen Fährte zu sein

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In der Schwebe. Daniel (Jeremias Koschorz, links) hat nach seiner Mutter nun auch seinen Vater verloren – allerdings durch Mord....SWR-Pressestelle/Fotoredaktion

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) joggt. Mit ruhigen, gleichmäßigen, kraftvollen Bewegungen arbeitet sie sich voran. So beginnt der Krimi „Tod auf dem Rhein“, in dem die Kommissarin noch so manches Mal in Laufschritt fallen wird: um vor Ort zu sein, bevor was passiert, um da zu sein, nachdem etwas geschah und um den jugendlichen Daniel (Jeremias Koschorz), der tief verstrickt scheint in eine komplizierte Kriminalaffäre, vor dem Schlimmsten zu bewahren. Wie so oft in der Ludwigshafener „Tatort“-Reihe hat die Kommissarin Odenthal nicht nur einen Mord aufzuklären, sondern auch einen Verdächtigen in Schutz zu nehmen. Diesmal allerdings misstraut man als Zuschauer ihrem gesunden Instinkt. Denn der Junge, dessen Leben und Ruf sie zu retten versucht, reitet sich von Einstellung zu Einstellung immer tiefer rein.

Da gibt es eine Werft am Fluss, ein bescheidenes Familienunternehmen. Und es gibt einen Rennstall – nicht für Rösser, sondern für Rennwagen. Daniels Vater, Ingenieur Hanke (Andreas Patton), hat für beide gearbeitet, er ist ein einsamer Experte, mit Booten ebenso vertraut wie mit Autos. Aber jetzt greift er immer öfter zur Flasche, er hat seine Frau verloren. Sie war Rennfahrerin und kam bei einer Trainingsfahrt um. Daniel glaubt zu wissen, wer am Tod seiner Mutter die Schuld trägt; er ist fertig mit der Welt und deshalb, wie Odenthal ahnt, für die Welt und sich selbst eine Gefahr.

Wie öfters in den neueren „Tatort“-Ausgaben begnügen sich die Macher (Buch: Horst Freund, Regie: Patrick Winczewski) nicht mit konventionellem Erzählstil, sondern irritieren und verwöhnen die Zuschauer mit ausgesuchter filmischer Stimmungsmalerei und aparter Montage. Diesmal ist es ein diesiges Rheinufer (Kamera: Jürgen Carle), das Melancholie erzeugt, sind es nach schwerer Arbeit und ausgefeiltem Know-how riechende Werkstätten, die als Motive für eine Atmosphäre des Wettstreits und der Intrige sorgen. Die Leute, die hier schaffen, sind nicht sehr beredt. Konsequent verlagern Kamera und Dialogregie die Kommunikation auf die Mimik. Es wird triumphierend geschaut, skeptisch, ängstlich, tückisch, aggressiv, die Blicke übernehmen den zwischenmenschlichen Austausch. Auch die Musik (Andreas Hoge) verlässt die gewohnte Spur und fördert die Spannung durch Arrangements aus Geräuschen. Das gibt ein Sirren und Klirren, und wenn die Spannung steigt, steigt auch die Frequenz: quälende Quietschtöne bohren sich ins Ohr.

Lange bleibt vieles in der Schwebe. Das Gefühl der Bedrohung wächst. Zumal sich herausstellt, dass Rennstallkönig Hamacher (Bruno F. Apitz) den Ingenieur Hanke samt seinem Wissen ganz zu sich herüberziehen wollte. Zwei sportliche junge Damen mit erotischen Geheimnissen und so mancher ungesühnter Schuld auf dem Gewissen schreiten auch noch durch den Film; eine fährt ebenfalls Rennen und ist dabei klasse.

Odenthal, wie stets begleitet vom Kollegen Kopper (Andreas Hoppe), bewegt sich in dieser Welt der harten Konkurrenz, des Hightech und verschwiegener Zeugen mit der gewohnten Sicherheit, Umsicht und Feinfühligkeit. Wie das so ist im Krimi, gerät sie manchmal fast auf die falsche Fährte. Kopper muss sich sogar fragen, ob er nicht einen Mord hätte verhindern können, wenn er nur hartnäckiger gewesen wäre. Und dann ist Daniel plötzlich verschwunden, mitten in tiefer Nacht. Kopper sagt: „Lass uns nach Hause gehen.“ Odenthal: „Nein!“ Und sie herrscht den trägen Wasserschupo an: „Sie suchen den Jungen. Sofort.“ Wenn es sein muss, kann sie auch anders.

„Tatort: Tod auf dem Rhein“, ARD, um 20 Uhr 15

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