KRITISCH gesehen : Absolution ohne Beichte

Kurt Sagatz

„Boris Becker meets…“, Pro 7, Donnerstagabend. Kurze Fragen, kurze Antworten, so stellt Boris Becker seine Freunde am liebsten vor. Dein schönster Sieg – „die Tour de France 1997“, deine größte Niederlage: „die Nichtzulassung zur 2006er-Tour.“ Aha, So war das. Also wurde der „Radsport-Gigant“ Jan Ullrich gar nicht von seinem Team Telekom kurz vor dem Start zurückgezogen, weil die Verdachtsmomente in Zusammenhang mit dem Skandal um den spanischen Dopingarzt Fuentes zu groß waren. Das Versprechen, seine Unschuld zu beweisen, hat Ullrich bis heute nicht eingelöst. Nach 18 Monaten des Schweigens werde Ullrich seinem Freund Becker Einblicke in sein jetziges Leben geben, hatte Pro 7 versprochen – und Becker hält es ein. Nach einer Schnellbootfahrt über die Zürisee geht es zu Ullrichs Frau und Sohn Max ins schweizerische Scherzingen. Die Tür zum Fahrradschuppen klemmt etwas, doch dann gelingt es „Ulle“, das 97er Gewinnerrad hervorzuholen. Für Boris wäre es nichts, zu hart der Sattel für die spätere Familienplanung, tönt es aus dem Off. Bis zu 35 000 Kilometer sei er in seiner aktiven Zeit jedes Jahr gefahren, sagt Ullrich, bevor er seinen Höhenraum zeigt. 5000 Meter Höhe ließen sich damit simulieren. Wer braucht da noch Doping? Oder anders gefragt: Wollte jemand erwarten, dass Jan Ullrich gerade bei Boris Becker die Beichte ablegt? Im Gegenteil: Becker erteilt die Absolution ganz ohne Beichte. Dafür fliegen Becker und Ullrich nach Rostock, zu Jans Mutter, der ehemaligen Klassenlehrerin und ein paar Schulkameraden sowie Jans erstem Trainer. Nachdem Becker und Ullrich ein paar Runden im Velodrom gedreht haben, spricht Becker den erlösenden Satz: „Inzwischen bist du ja rehabilitiert.“ Der Zuschauer hört’s und wundert sich. Hat nicht ein DNA-Test ergeben, dass einer der Fuentes-Blutbeutel von Ullrich stammt? Rehabilitiert muss also etwas anderes bedeuten. Vielleicht ist Ullrichs Ehrenwort bei Reinhold Beckmann im Februar 2007 gemeint: „Ich habe keinen betrogen“, sagte er damals. Laut Sportzeitung „L’Equipe“ war Ullrichs größter Rivale Lance Armstrongs vor dessen ersten Tour-Sieg 1999 gedopt. So betrachtet hat sich jeder gedopte Fahrer nur nach dem unausgesprochenen Reglement verhalten. Um die Welt so zu sehen, muss man jedoch vermutlich sehr oft den Höhenraum besucht haben. Kurt Sagatz

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