KRITISCH gesehen : Bisschen Gefühl

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Günther Jauch. ARD. 

Wenn der Bundeskanzler in eine deutsche Talkshow kommt, kann kein anderer Gast danebensitzen, das ist offensichtlich ein ungeschriebenes Gesetz. Den fehlenden Glamour gleicht Günther Jauch gleich zu Beginn aus, als er Angela Merkel mit Kaiserin Sissi vergleicht: Er spricht von „Schicksalsjahren einer Kanzlerin“, aber davon will Merkel nichts wissen. Weil sie in Hamburg geboren wurde und die Hamburger einer Studie zufolge die glücklichsten Deutschen sind, fragt Jauch die Kanzlerin dann nach ihrem Glücksempfinden. Während der Moderator bereits in seiner dritten Show so souverän wirkt, als habe er die ARD-Talkshow vor vielen Jahren erfunden, wirkt Angela Merkel anfänglich ein wenig unlocker, sie antwortet platt, gestelzt.

In einem Einspielfilm werden Helmut Kohl und Roman Herzog zitiert, ihre Aussagen kann man als Kritik an Merkel werten, so muss sich Jauch nicht die Finger schmutzig machen. Merkel kontert die Kritik, indem sie daran erinnert, wie „wir“ in der Finanzkrise 2008 reagiert hätten – sie meint die Große Koalition, und dabei scheinen ihre Augen ein wenig zu glänzen. Und Jauch macht den einzigen Fehler an diesem Abend: Er hakt da nicht nach. Lieber unterhält er sich mit Merkel auf Augenhöhe über den Euro, Europa, Griechenland und Stabilitätspakte.

Man weiß jetzt, dass Jauch auch in Anwesenheit der Kanzlerin albern sein kann – sein Berlusconi-Frauen-Gag war auch für das Junge-Union-Publikum zu schlecht. Und am Ende will er doch noch, dass es emotional wird: Es geht um den Papstbesuch, und Jauch fragt Merkel nach ihrem Glauben – da stockt die Kanzlerin zum ersten Mal. Jauch fragt weiter, nach der Bedeutung ihres Vaters, der vor drei Wochen gestorben ist, und Merkel antwortet sehr ausweichend. Aber dann erzählt sie schließlich doch wie das damals war, nach der Wende, als sie keine Anstellung beim Bundespresseamt bekam, weil ihr Blutdruck zu hoch war. Jauch sagt: „Und so hat sich ja am Ende doch noch ein Job für Sie gefunden.“

Und zum Schluss wünscht er der Kanzlerin noch eine glückliche Hand „im Interesse Deutschlands.“ Matthias Kalle

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