Medien : Kritisch gesehen: Großes Erzählfernsehen

Kerstin Decker

Les Misérables. Sat 1. Vor fast zwanzig Jahren haben die DDR und Frankreich "Die Elenden" verfilmt. Mit Jean Gabin in der Hauptrolle. Vor ein paar Jahren sahen wir Liam Neeson als prärevolutionären Sträfling Jean Valjean. Und war nicht Julia Roberts als unglückliche Fabrikarbeiterin Fantine an seiner Seite? Sehr amerikanisch der Film und ein bisschen aus der Bahn geworfen.

Diesmal hat sich Frankreich die Oberhohheit gesichert über seinen vielleicht größten Roman des 19. Jahrhunderts. Aber das klingt uncool. Das Sat 1-Presseheft spricht zeitgemäß von einer "der ergreifendsten Stories der Welt". Ergreifend? Geradezu archetypisch sind Hugos Figuren und - hervorragend besetzt. Gérard Depardieu ist der Sträfling. Wer sonst auch käme in Frage für diesen rauhen, derben, feinnervigen Koloß Jean Valjean? John Malkovich war sein Widersacher, schon allein deshalb, weil keiner so gut das 19. Jahrhundert spielen kann sowie eine gewisse Verruchtheit und Dämonie des ganzen Menschen, ablesbar selbst in der kleinsten Geste. Veronica Ferres als böse Stiefmutter dagegen kam etwas überraschend, aber durchaus nicht falsch, hervorragend war Otto Sander als jener Priester, der dem Sträfling Valjean zusätzlich zu den gestohlenen Leuchtern auch noch das übrige Tafelsilber einpackt und damit dessen größte Glaubenskrise auslöste. Sander als Priester und Jean Moreau als Ordensfrau - gegen diese verdoppelte Geistlichkeit sah sogar die französische Revolution ein bißchen blaß aus. Und sonst? Sehr bunt, sehr lang, sehr groß das alles. Filmkritiker haben für Werke wie dieses das anerkennende und zugleich doch ein wenig abschätzige Etikett "großes Erzählkino" geschaffen.

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