Medien : Kritisch gesehen: Wie das Leben so spielt

Mechthild Zschau

Der Briefbomber. Arte Die Österreicher haben den Film in der vergangenen Woche aus dem Programm genommen. So genau wollte man sich mit seiner Geschichte nicht beschäftigen, nicht kurz vor den Wiener Bürgermeisterwahlen. Denn die Sache mit dem Briefbomber ist nicht nur bis in die Details hinein authentisch, sondern auch politisch ziemlich unangenehm.

Wer also ist dieser Briefbomber? Ein Polizeipsychologe entwickelt die These eines fanatischen Einzeltäters, das Innenministerium besteht jedoch auf rechtsradikaler Bandenbildung, weil das politisch besser passt. Das Verblüffendste an diesem Real-Krimi: Es passiert fast nichts, die jahrelange Suche nach dem Täter quält in ihren winzigen Fortschritten - und hält doch die Spannung bis zum Zerreißen. Da sitzt er in seinem spießigen Stübchen, der geniale Tüftler (Karl Fischer als stiller Vulkan, fast bewegungslos und doch von ungeheurer Präsenz) und produziert Mordinstrumente von höchster Präzision. Und gleichzeitig zergrübelt sich die Polizei den Kopf, um des Mannes habhaft zu werden und weiteres Morden zu verhindern.

Im Zentrum stehen Sylvester Groth als introvertierter Psychologe und Bibiana Beglau als nette Leiterin der Sonderkomission. Dass sie ein Paar werden, scheint das fiktive Genre zu gebieten - ist aber ebenfalls real passiert. Bloß Regisseur Holger Karsten Schmidt gelingt es in keiner Weise, irgend etwas zwischen beiden zum Knistern zu bringen. Seltsam gesichts- und eigenschaftslos tappen die beiden Sucher durch den Film und nehmen ihm ein Stück von jenem Leben, dem sein Stoff entstammt. So bleibt es ein intellektuelles Abenteuer, aber das auf höchstem Fernsehniveau. Wie war das doch noch mal - Das Leben schreibt die schlechtesten Geschichten? Manchmal sind sie doch die besten.

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