Künstler : Singen, schreiben, lesen

Neu aufgelegt: Sänger Peter Maffay und Regisseurin Doris Dörrie in der ARD-Porträt-Reihe „Deutschland, deine Künstler“.

von
Scheu und erfolgreich. Mit Porträts des Rocksängers Peter Maffay und der Regisseurin Doris Dörrie („Männer“, „Klimawechsel“) startet das Erste eine neue Staffel seiner Künstler-Dokus. Fotos: NDR, SWR
Scheu und erfolgreich. Mit Porträts des Rocksängers Peter Maffay und der Regisseurin Doris Dörrie („Männer“, „Klimawechsel“)...Foto: NDR/Andreas Ortner

„Plötzliche Regenfälle können zum Betreten einer Buchhandlung zwingen. Meistern Sie Ihre Unsicherheit in der ungewohnten Umgebung“, hat Vicco von Bülow alias Loriot einmal chronischen Nichtlesern geraten. Ein ähnlich scheues Verhältnis zur Kunst scheint auch die ARD ihren Zuschauern zu unterstellen, sonst würde sie in der dritten Staffel ihrer Dokumentarfilmreihe „Deutschland, deine Künstler“ nicht zu so vielen Superlativen greifen und die Porträtierten wie Preisboxer vorstellen.

„Mehr als vierzig Millionen verkaufte Platten, erfolgreichster deutscher Album-Künstler aller Zeiten“ heißt es eingangs in schmetterndem Fanfarenton über Peter Maffay. Und ob der Siebenbürger Sachse, der 1949 in Kronstadt/Brasov zur Welt kam und 1963 mit seiner Familie in die Bundesrepublik auswanderte, Deutschland „gehört“ oder gehören will, wie es der patriotische Titel insinuiert? Das bleibt doch zumindest fraglich. Zum Glück wurden die fünf Filme von profilierten Regisseuren wie Alice Agneskirchner (über Doris Dörrie) oder Lutz Pehnert (über Katharina Thalbach) gedreht. Das verspricht einen gewissen Tiefgang im Hauptabendprogramm.

Dass hinter den dröhnenden Superlativen ein Mensch mit unverwechselbarer Stimme und gewinnender Persönlichkeit hervortritt, ist bei Peter Maffay Ehrensache. Vanessa Nöcker beobachtete den 60-Jährigen mit seinen altgedienten Musikerfreunden wie Bertram Engel (Schlagzeug) oder Peter Keller (Gitarre) bei der Neuproduktion von Hits aus vierzig Jahren in Maffays drei Studios am Starnberger See. Vor allem Humor und Schadenfreude hätten sie bis heute zusammengehalten, erzählt Maffay. Einer seiner größten Ohrwürmer, „Sonne in der Nacht“, entstand beim zufälligen Herumklimpern in der Mittagspause. Archivaufnahmen zeigen den Sänger bei seiner hochemotionalen DDR-Tournee 1986, als er mit dem Publikum, das bis zu zehn Stunden für die Karten angestanden hatte, den Song „Über sieben Brücken musst du gehen“ anstimmte. 6000 Menschen blieben hinterher zur Autogrammstunde.

Als Siebenbürger Sachse habe er die Erfahrung gemacht, am Rande zu stehen, begründet Peter Maffay sein bewundernswertes soziales Engagement. Ob auf Mallorca, in Israel und Palästina oder jüngst in Rumänien setzt er sich für traumatisierte Kinder ein. Ehrliche Haut, die er ist, unterschlägt Maffay auch nicht das größte Fiasko seiner Karriere, das einem Missverständnis entsprang: Als er mit seiner Band 1982 als Vorgruppe der Rolling Stones auftrat, erntete der Deutschrocker statt Beifall Tomaten, Eier und Bananen.

Wo küsst die Muse Peter Maffay am ehesten? „Unter einer Palme, in der Badewanne oder im Zug – überall, wo du dich abnabeln kannst“, sagt er. Doris Dörrie greift dagegen mit ihrem Lieblings-Bühnenbildner Bernd Lepel in eine Kiste mit Plüschschnecken und Barbiepuppen, wenn sie eine Operninszenierung vorbereitet. Alice Agneskirchner rückt „Deutschlands erfolgreichste Regisseurin“, die ihre Öffentlichkeitsscheu („Ich bin so ungern vor der Kamera“) mit burschikosem Auftreten tarnt, in ein facettenreiches Licht.

Dabei spart die Porträtierte selbst einen Schicksalsschlag wie den Tod ihres Mannes nicht aus. „Sprechen, schreiben, lesen“ bezeichnet Doris Dörrie, die 1955 als älteste von vier Töchtern eines bibliophilen Ärzteehepaars in Hannover geboren wurde, als ihre ständige Beschäftigung. Jeder ihrer Charaktere, sei es aus ihrem Debütfilm „Mitten ins Herz“ von 1981, dem Kassenschlager „Männer“ oder „Kirschblüten – Hanami“ war zunächst die Figur in einer Dörrie-Erzählung. Das Schreiben sei ihr „ständige Tortur und großes Glück“, sagt sie, die wie keine andere den Alltag ins Visier nimmt. Jüngste Beispiele: der in Marzahn gedrehte Film „Die Friseuse“ und die gewagte ZDF-Serie „Klimawechsel“.

„Deutschland deine Künstler“. Mittwoch, ARD, 21 Uhr 45 (Maffay) und 23 Uhr (Dörrie). Am 21. Juli folgen Porträts von Ulrich Tukur und Katharina Thalbach sowie am 28. Juli von Helge Schneider.

1 Kommentar

Neuester Kommentar