Lead-Magazin : Die Kunst der Verlangsamung

In Berlin zu Hause, in aller Welt geliebt: "032c" ist das "Lead-Magazin des Jahres".

Christian Meier

„Danke, dass Sie uns auf unserer Kampagne für mehr Komplexität im Leben Gesellschaft leisten“, steht auf englisch im Editorial des 260 Seiten dicken Heftes mit dem seltsamen Titel „032c“. „Contemporary Culture“ ist auf dem schwarz-roten Cover zu lesen, zeitgenössische Kultur. Im Magazin dann 50 Seiten über den Ingenieur und Statiker Cecil Balmond, der von dem Kurator Hans Ulrich Obrist interviewt und dessen Büro vom Starfotografen Wolfgang Tilmans seitenfüllend in Szene gesetzt wird. Später dann ein langes Gespräch mit der New Yorker Fotografin Taryn Simon, eine Serie von Kakteenbildern, ein Porträt des japanischen Design-Blatts „Idea Magazine“ und eine Modestrecke mit der neuen Kollektion des Designers Kostas Murkudis. Erster Eindruck: Puh, anstrengend. Zweiter Eindruck: Hoppla, das sieht spannend aus, macht irgendwie gute Laune.

„032c“, das übrigens nach einem sehr intensiven Rot-Ton auf einer Farbpalette benannt wurde, ist für schnelles Durchblättern nicht geeignet. Es besteht dringende Gefahr, dass man die Zeitschrift, gewöhnt an Häppchenblättchen wie „Vanity Fair“, „Max“ oder „In Touch“, schnell entmutigt aus der Hand legt. Zu anstrengend, zu unruhig, zu sperrig für die Feierabend-Abschalt-Lektüre. Und doch muss was dran sein an dem halbjährlich erscheinenden „032c“, das die „International Herald Tribune“ zum Magazin des Jahres 2007 erklärte und das am Mittwoch den begehrten Preis „Lead-Magazin des Jahres“ erhielt.

„Wir wollen etwas Komplexes schaffen, das die Leute interessiert und ihre Zeit nicht verschwendet“, sagt Jörg Koch, der „032c“ vor sieben Jahren mit Freunden in Berlin gründete. Koch, 33, kommt aus Wuppertal und landete über den obligatorischen New-York-Abstecher, den man als Junge vom Bergischen Land so macht, in Berlin, wo er sich eigentlich den Nordamerikastudien widmen wollte. Statt die Unabhängigkeitserklärung oder die Kennedy-Familie zu ergründen, organisierte er lieber Ausstellungen über Videospiele oder Hip-Hop-Kultur und rief dann mit 4000 Mark ein dünnes Fanzine auf Zeitungspapier ins Leben. 14 Ausgaben später ist aus dem Fanzine eine Hochglanz-Zeitschrift geworden, die Koch mit seiner Frau Sandra von Mayer-Myrtenhain und dem Art Director Mike Meiré zu einer international anerkannten Marke ausgebaut hat.

45 000 Hefte vertreibt der Kleinverlag weltweit, in Deutschland kostet „032c“ zehn Euro, in Japan oder Südkorea, wo das Heft sehr gut ankommt, umgerechnet fast 30 Euro. Seit eineinhalb Jahren ist das Magazin in Moskau zu haben, als Nächstes steht China auf der Liste. Profitabel wird „032c“ erst über Werbeerlöse, doch er akzeptiere nicht jede Anzeige, sagt Koch. „Nein zu sagen, ist viel wichtiger als Ja zu sagen“, so der Magazinmacher über seine Philosophie, die keine bloße Attitüde ist. Koch war früher Hardcore-Punk-Anhänger, einer Musikrichtung, die das Prinzip des „Do It Yourself“, des Selbermachens und der Unabhängigkeit von der Musikindustrie, zum Prinzip erklärte. Vielleicht lehnt er darum Werbeseiten ab, die billig wirken oder nicht ins Konzept passen. Ansonsten wäre das Gesamtkunstwerk „032c“, das Kunst, Mode, Architektur und Politik aufeinanderprallen lässt und optisch ziemlich disparat aussieht, sich aber auf wundersame Weise zu einem stimmigen Ganzen fügt, schleunigst dahin.

Ursprünglich sollte „032c“ ein Internetprojekt werden, doch ziemlich schnell stellte sich heraus, dass sich die Ideen der Gründer nur im Printmedium adäquat umsetzen ließen. „Um ein starkes Image zu schaffen, kommt man um Print nicht herum“, sagt Jörg Koch. „Was das angeht, ist das Internet maßlos überschätzt.“ Einen ähnlichen Kurs, der selbstbewusst die Qualität des gedruckten Wortes und Bildes betont, fahren auch die britische Zeitschrift „Monocle“ und das deutsche „Liebling“. „Das Magazin ist eine Reaktion auf das Internet, indem es die Verlangsamung zum Prinzip macht“, sagt der Gründer. Trotz oder gerade deswegen stellt er demnächst alle bisher erschienenen Ausgaben online.

„032c“ ist in erster Linie eine Ansammlung von Widersprüchen und Paradoxien, und vielleicht macht es gerade diese Tatsache so attraktiv für Menschen, die mit offenen Augen und Ohren durch die Weltgeschichte spazieren. Einerseits ist hier ein Magazin, das verschiedenste Einflüsse und Themen aufgreift und aus dem heraus auch mal ein Bauprojekt entstehen könnte oder eine Veranstaltung. Andererseits ist „032c“ ein Produkt, das Koch und seine Frau zunehmend strategisch weiterentwickeln, und das sich einem größeren Publikum öffnet, dabei auch journalistischer wird.

Von der Wohnung in der Anklamer Straße, in der Koch mit seiner Frau und Tochter lebt und arbeitet, zieht die Redaktion demnächst in ein Büro in der Kleinen Kurstraße 1 in der Nähe des Spittelmarkts. Am 5. April öffnet dort auch ein „032c“-Laden, in dem Ausstellungen zu sehen und Dinge zu kaufen sein sollen, die nicht zueinander passen, aber vielleicht doch miteinander in Einklang gebracht werden können. „Eine physische Repräsentanz des Magazins“ stellt sich Koch vor. Wie er sich selber sieht? Er sei ein Entrepreneur ohne Businessmodell, sagt Koch, bevor er sich verabschiedet. Was das bedeutet? „Wir sind für Zufälle offen.“

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