Lebenshilfe : Rette mich, wer kann

Kinder, Küche, keine Kohle – immer mehr TV-Experten lösen jedes Problem. Dabei sind Ratgebersendungen keineswegs neu.

Tilmann P. Gangloff
Susan Akel
Diplom-Psychologin Susan Akel bietet Familien bei RTL Hilfe mit Herz an. -Foto: RTL

Jetzt tun sie wieder so, als hätten sie das Fernsehen neu erfunden – spätestens im September werden zumindest die kommerziellen Sender ihr Herz fürs Publikum entdecken: RTL und RTL 2 definitiv, vielleicht aber auch Sat 1 setzen am Vorabend auf Lebensberatung. „Familienhilfe mit Herz“ wird beispielsweise das neue tägliche RTL-Format heißen und den Trend damit auf den Punkt bringen. Dabei sind diese Ratgebersendungen keineswegs neu. Allerdings gibt es einen Unterschied: Während in den klassischen Magazinen stets das Problem im Mittelpunkt stand, ist heute der Experte der Star. Deshalb lautet der vollständige Titel der neuen RTL-Reihe auch „Susan – Familienhilfe mit Herz“. Die Probleme kommen und gehen, Psychologin Susan Akel bleibt.

Auch bei der neuen RTL-2-Sendung ist der Helfer der Namensgeber. In „Der Requardt“ wird sich Anwalt und Schuldnerberater Michael Requardt montags bis freitags mit Eheproblemen, Familienzusammenführungen und Schulden befassen. Zurzeit ist er noch für den WDR in „Der Große Finanz-Check“ damit beschäftigt, Menschen aus der Pleite zu helfen. Sat 1 setzt ebenfalls sein Engagement mit Eigennutz fort: In der Sendung „Hilfe, ich kann nicht mehr“ (Arbeitstitel) reagieren motorisierte „Help Angels“ auf den „täglichen Hilfeschrei von der Arbeitsfront rund um Kinder, Küche und Karriere“, wie der Sender mitteilt.

Das Genre Lebenshilfe-TV reflektiert die gesellschaftliche Entwicklung, das Fernsehen reagiert auf das Bedürfnis seines Publikums nach Orientierung. Für diese Sehnsucht, alles in eine Ordnung zu bringen, stehen auch Ranking-Shows wie „Unsere Besten“ im ZDF oder Talentsuchen wie RTLs „Deutschland sucht den Superstar“ und „Germany’s Next Topmodel“ auf Pro 7. Parallel dazu gibt es die Vorliebe zur Personalisierung, so dass „DSDS“ und Dieter Bohlen ebenso zusammen gehören wie „Topmodel“ und Heidi Klum. Der Marburger Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger erkennt diese Manie auch bei den Lebenshilfesendungen: „Deutschland sucht den Superratgeber!“, nennt er sie halb im Scherz. Dass solche Formate zurzeit einen Boom erleben, spiegelt für Hallenberger den Wechsel von der Leistungs- zur Erfolgsgesellschaft wider: „Früher musste man gut sein, heute genügt es, der Beste zu sein“. Deshalb ist die Fachfrau für Erziehungsfragen eine „Super-Nanny“. Immer mehr Damen streiten sich um die Krone der Expertin aller Experten: Gleich eine Handvoll Frauen versucht sich als Innendekorateurin oder Umzugshilfe. Und beim Wettbewerb um den Titel „Helferin mit Herz“ tummelt sich mit Verona Pooth, Bärbel Schäfer und Vera Int-Veen die geballte Nächstenliebe. „Was früher Hilfe war“, kalauert Hallenberger, „kommt heute als Helfer“.

Die „radikale Veralltäglichung“ des Fernsehens, die Berücksichtigung ganz normaler Probleme also, weise andererseits aber auch auf eine Entwicklung hin, die der Mainzer Erziehungswissenschaftler Stefan Aufenanger für bedenklich hält. Gerade ein Format wie „Super-Nanny“ zeige doch, dass „viele Eltern offenbar keine Ressourcen mehr haben, um Erziehungsprobleme selbst zu lösen“. Aufenanger spricht daher von der „hilflosen Elternschaft“. Angesichts der hohen Erwartungen an Familien würden sich viele Eltern als erziehungsunfähig erweisen: „Die pädagogischen Ratgeber stellen Ansprüche an Erziehung und setzen Normen bezüglich der Entwicklung von Kindern, die nicht alle Eltern einlösen können und die deshalb zu einer Verunsicherung führen“; beste Voraussetzungen für eine Ratgebersendung.

Immerhin ist das Genre nicht mehr ganz so schlüssellöchrig wie noch vor vier Jahren, als ein Format wie „Frauentausch“ auf RTL 2 beinahe schon an Elendstourismus grenzte. So was will das Publikum nicht mehr sehen, hat man bei RTL 2 erkannt. Der Sender setzt wochentags mittlerweile fast allabendlich auf Lebenshilfe, sei es nun am Herd, im Ausland oder im fremden Haushalt. Natürlich gibt es immer noch eine Portion Voyeurismus, wie Programmdirektor Axel Kühn einräumt, schließlich wäre die Zielgruppe der jeweils Betroffenen eher klein – also gelte es, die Aufmerksamkeit all jener zu wecken, denen die behandelten Probleme egal sind. Geködert werden sie mit der Verzweiflung der Hilfesuchenden, denn: „Wenn man sieht, dass es anderen viel schlechter geht, wiegt das eigene Leid nicht mehr so schwer.“

Weil Programmanalysen zeigen, dass die Sendungen besser funktionieren, wenn die Protagonisten ihr Schicksal meistern und Lebensfreude versprühen, wird RTL 2 auch schwere Probleme in Zukunft „leichter verpacken und mit einem Augenzwinkern versehen: als Umkehr zum Aufbruch“. Ist die Not auch noch so groß, ein Happy End ist garantiert – zumindest im Fernsehen.

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