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Was TV-Sender alles tun, um auf die vorderen Plätze der Fernbedienung zu kommen

Thomas Gehringer

Sie ist älter, als man denkt: Die ersten Fernbedienungen gab es schon in den 50er Jahren. Damals waren sie mit einem Kabel mit dem Fernseher verbunden, deshalb nicht ganz ungefährlich: Man stolperte leicht darüber. Später wurde das Umschalt-Signal per Ultraschall- und Infrarottechnik übertragen. Aber erst Anfang der 80er, als die Taste erfunden wurde, mit der man sozusagen durch die Programme blättern kann, begann das, was wir heute Zapping-Zeitalter nennen: dieses ungeduldige Springen durch Sendungen und Programme.

In den 80ern begannen aber auch die Schwierigkeiten, die immer komplexer werdenden Fernbedienungen zu installieren: Die Programme müssen gesucht und gespeichert werden. Dafür haben die Firmen den automatischen Suchlauf erfunden, der wie von Zauberhand das Erste auf Programmplatz Nummer 1, das ZDF auf Nummer 2 und häufig auch das regional jeweils „zuständige“ dritte ARD-Programm auf Nummer 3 setzt. Das ist natürlich kein Automatismus, sondern geschieht mit einer Software, mit der die Geräteanbieter die Sender nach einer jeweils eigenen Liste verteilen, wie Philips, Sony und Panasonic, die großen Drei der Branche, bestätigen.

Es ist ähnlich wie in Supermärkten, wo die Vertreter versuchen, die besten Plätze im Regal für ihre Waren zu bekommen: Die Fernsehsender wollen unbedingt auf die ersten neun – einstelligen – Plätze der Fernbedienung kommen. „Ab dem zehnten Platz ist es ungünstig. Dann geht man beim Zappen verloren“, sagt Horst Indek, der bei Vox für die Übertragungstechnik zuständig ist.

Deshalb sprechen die Sender bei den Herstellern vor. Und Arte ließ es sich sogar eine Werbekampagne kosten. Im vergangenen Jahr wechselte der Sender im Kabelnetz auf eine andere Frequenz und tauchte damit plötzlich bei vielen Fernsehzuschauern weiter hinten in der Programmliste auf. Der nicht eben gewaltige Kreis an Arte-Zuschauern schrumpfte noch weiter. Der Sender reagierte mit einer Werbekampagne („Arte auf 8 – Ich habe Arte umgelegt“), die gerade verlängert wurde und ans Publikum appelliert, Arte auf Programmplatz 8 zu speichern. Der öffentlich-rechtliche Sender gab für die Kampagne einen „niedrigen siebenstelligen Betrag“ aus, sprach aber vorsichtshalber auch mit den Geräteherstellern selbst. Mit Erfolg, wie Marketing-Experte Ralf Legroux behauptet: „Die Firmen programmieren uns weiter vorne.“

Wie viele Kunden sich auf den automatischen Suchlauf der Fernbedienung verlassen, ist noch nicht ermittelt. Zuletzt haben die Quotenzähler der GfK im Auftrag der SevenOne Media, die die Werbezeiten für die Sender der ProSieben-Sat1-Gruppe vermarktet, die Tastenbelegung der Fernbedienung erforscht.

Nach diesen noch unveröffentlichten Zahlen aus dem Jahr 2003 sind nur die Tasten 1 und 2 unverrückbar an ARD und ZDF vergeben, nämlich in über 80 Prozent der Kabelhaushalte. Die meisten Zuschauer bevorzugten auf Taste 3 das NDR Fernsehen, daneben aber noch weitere dritte Programme. Dann wird es schon weniger eindeutig: RTL hat die Mehrheit gleich bei zwei Speicherplätzen erobert, bei Taste 4 (22 Prozent) und 5 (13,2). Nummer 6 geht an Sat 1 (20,9), die 7 natürlich an Pro7 (19,1), die 8 an Kabel 1 (8,0) und die 9 wieder an Pro7 (16,2).

Ähnliches haben im Jahr 2001 die Marktforscher von Infratest für ARD und ZDF ermittelt, nur dass Sat 1 bei Taste 5 vor RTL lag und Vox sich auf der 9 breit machte.

Eine hübsche Spielerei – aber gibt es auch einen Zusammenhang mit dem Zuschauererfolg? „Da stochert man im statistischen Nirwana“, sagt Ralf Legroux von Arte, das von seinen Fans offenbar wirklich gerne auf Taste 8 gesetzt wird.

Vieles spricht aber auch dafür, dass sich Fernsehzuschauer recht souverän ihr Programm aussuchen – unabhängig von der Rangliste auf der Fernbedienung. Schließlich haben es auch Spartensender wie MTV, Viva und DSF zu einem gewissen Erfolg bei ihrer Zielgruppe gebracht. Und die Marktführerschaft hat schon seit Jahren RTL inne, obwohl das Programm des Kölner Privatsenders laut Infratest-Umfrage von 2001 nur in 5,2 Prozent der TV-Haushalte auch auf Platz 1 gespeichert ist.

Nicht nur ARD-Marktforscher Wolfgang Darschin glaubt deshalb, dass die Zuschauer ihre Lieblingssender doch eher aus inhaltlichen Gründen und persönlichen Vorlieben wählen – und zur Not auch finden. Selbst die digitale Zukunft mit einem Vielfachen an Programmen muss daran nichts ändern, vorausgesetzt die elektronischen Wegweiser werden verständlicher als die heutigen Fernbedienungen.

Wie man es besser nicht macht, hat Darschin bei einem Frankreich-Urlaub in seinem Ferienhaus erlebt. Im digitalen Satelliten-Empfänger waren die Programme einfach alphabetisch sortiert. Das ZDF hatte da den Programmplatz Nummer 732. Vielleicht sollten die Mainzer mal über einen anderen Namen nachdenken.

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