Medien : Libération bittet Leser um „Soli“-Spenden

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Nach dem dramatischen Hilferuf, mit dem sich die Pariser Zeitung „ Libération“ am Donnerstag an die Öffentlichkeit wandte, kündigte Edouard de Rothschild, der Hauptaktionär des Blattes, noch am Abend desselben Tages ein Konzept für eine „Neugründung“ des finanziell schwer angeschlagenen Blattes an. Was Rothschilds Plan genau vorsieht, ist noch unbekannt. Er sei noch in Arbeit und werde am 27.September den anderen Anteilseignern der Zeitung, zu denen auch die Gesellschaft der Beschäftigten zählt, vorgelegt, teilte er lediglich mit. Es werde sich aber um ein „Projekt der letzten Chance“ handeln, ließ er wissen.

Die Mitarbeiter sind der Sorgen um die Zukunft des Blattes damit nicht enthoben. „Wir bleiben zuversichtlich“, erklärte zwar ein Sprecher der Mitarbeitergesellschaft. Doch der Graben zwischen Rothschild und der Belegschaft ist tief. Serge July, der Gründer und langjährige Herausgeber, hatte den Finanzier 2005 als Retter an Bord geholt. Nachdem die 20 Millionen Euro, die dieser eingeschossen hatte, aufgebraucht und die Konten im Juni mit über fünf Millionen Euro erneut im Minus waren, forderte Rothschild den Rücktritt Julys und weitere Kostensenkungen. Mit Tränen in den Augen nahmen die Redakteure von ihrem legendären Chef Abschied, doch die neuen Einsparungen – wohl sechs Millionen Euro – bereiteten ihnen zunehmend Bauchgrimmen.

Vergangene Woche reichten vier „Edelfedern“, darunter die seit ihrer Entführung in Bagdad weltbekannt gewordene Reporterin Florence Aubenas, ihren Abschied ein. Sie seien nicht mehr einverstanden mit dem, was in der Zeitung passiert. In ihrem Notruf warnte die Redaktion jetzt Rothschild unverhohlen davor, die Zeitung kaputtzusparen.

Um neue Einsparungen wird die Zeitung, deren verkaufte Auflage seit 2001 um 20 Prozent auf 136 000 Exemplare sank, indes nicht herumkommen. Das erkannte auch die Gesellschaft der Mitarbeiter in ihrem Notruf an. Doch um das Blatt zu wenden, hofft sie außer auf eine neue Kapitalspritze der Aktionäre auch auf das Engagement der Leser. Sie sollen eine Beteiligungsgesellschaft gründen, so wie es 1985 bei „Le Monde“ geschah. Damals griffen innerhalb einer Woche 12 000 Leser zur Rettung ihrer Zeitung in die Tasche.

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