Libyen auf dem Schirm : Die Visa-Frage

Eine neue Welle von Gewalt und Umsturz in Nordafrika - diesmal ohne Fernsehreporter vor Ort.

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Brutales Vorgehen. Aufgebrachte Menschen, blutige Körper, Schüsse. Bewegte Bilder vom Aufstand in Libyen gibt es auch bei ZDF-„heute“ bislang via Handy-Videos. Screenshot: Tsp
Brutales Vorgehen. Aufgebrachte Menschen, blutige Körper, Schüsse. Bewegte Bilder vom Aufstand in Libyen gibt es auch bei...

Montag, 13 Uhr, die Nachrichtenlage im ZDF-„Mittagsmagazin“: In Libyen eskaliert die Gewalt. In der Hauptstadt Tripolis soll das Gebäude des Volkskongresses in Brand gesetzt worden sein. Nach Medienberichten wurden in der Nacht zuvor mehr als 60 Menschen bei den Protesten getötet. Zu diesen Informationen auffällig unscharfe Bilder, anders noch als bei den Unruhen in Ägypten; Handybilder, kommentiert vom ZDF-Sprecher im „Mittagsmagazin“ aus dem Off. Unbestätigte Meldungen, unbestätigte Opferzahlen, Gerüchte. Es sei fast unmöglich, die Situation einzuordnen. Im „Morgenmagazin“ versucht Korrespondent Dietmar Ossenberg, aus Kairo die Lage im Lande Gaddafis, ohnehin einer der größten Feinde der Pressefreiheit, zu analysieren. Man trage von außen Indizien zusammen. Mittags erklärt Libyen-Expertin Isabelle Werenfels aus dem Berliner ZDF-Studio.

Die politischen Unruhen im Nahen Osten und Nordafrika sind ein äußerst schwieriges Geschäft, nicht nur für die Nachrichtenredaktionen des ZDF. Da hilft auch ein gutes Auslandskorrespondentennetz nicht immer weiter, über das die Öffentlich-Rechtlichen verfügen. „Gerade im Nahen Osten und Afrika sind wir gut aufgestellt mit einem Korrespondenten für Israel und die palästinensischen Gebiete, einem Korrespondenten in Kairo, einem in Nairobi und drei Korrespondenten in Paris mit Zuständigkeit für die Maghrebstaaten“, sagt eine ZDF-Sprecherin. Zusätzlich schicke das Zweite bei Bedarf „erfahrene Reporter, die eigens für Auslandseinsätze geschult sind“, in einzelne Länder.

Schade nur, wenn man die öffentlich-rechtliche Informationskompetenz zu den Geschehnissen in Libyen nicht voll und ganz ausspielen kann, augenfällig vor allem in den aktuell ins Programm genommenen analytischen Schwerpunkt-Sendungen, wie dem ZDF-Spezial nach der „heute“-Sendung. Dringender Bedarf wäre jetzt aber – in Tripolis. Das größte Problem nicht erst seit gestern sind die fehlenden Visa für Reporter und Mitarbeiter vor Ort. „Während der Krise in Ägypten hatten wir einen Kollegen nach Jordanien, einen nach Teheran und einen nach Tunesien geschickt“, sagt die ZDF-Sprecherin. Aufgrund von Visa-Problemen konnte kein Kollege nach Algerien geschickt werden, eine freie Kollegin und ein freier Kameramann liefern dem ZDF von dort Bilder. „Je nach aktuellen Entwicklungen werden wir entsprechend weiter reagieren. Sobald wir Visa für Algerien haben, werden wir einen Korrespondenten aus Paris schicken.“

Ähnliches gilt für die ARD. Marokko, Tunesien und Algerien werden vom ständig besetzten ARD-Studio in Algier betreut. Nur: „Wir sind zurzeit in Libyen nicht mit einem eigenen Korrespondenten vertreten“, sagt Michael Zeiss, Chefredakteur Fernsehen des Südwestrundfunks (SWR), der für die Libyen-Berichterstattung im Ersten zuständig ist. Nun sei ein Kollege auf dem Weg zur ägyptisch-libyschen Grenze und werde dann von dort berichten. „Arbeitsvisa sind seit einigen Tagen beantragt, aber im Moment haben wir wohl keine Chance.“

So ist man hier genauso auf Augenzeugenberichte sowie Handy- und Youtube-Videos von der Welle der Gewalt in Tripolis angewiesen wie die Kollegen bei RTL und Sat1 (und andere Print- und TV-Nachrichtenredaktionen natürlich auch). Oder auf Berichte des arabischen Senders Al Dschasira, dessen Sendesignale wegen der Proteste gegen Revolutionsführer Gaddafi allerdings offenbar gestört werden.

Bleiben die deutschen Korrespondenten drumherum. Für RTL hält Israel-Korrespondentin Svenja Kleinschmidt die Stellung in Ägypten. Reporterin Britta Hasselmann fliegt laut RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer diese Woche mit den ersten deutschen Touristen nach Tunesien. RTL-Auslands-Chefreporterin Antonia Rados, die zuletzt in Ägypten war, sitze auf gepackten Koffern, um so bald als möglich für RTL und n-tv aus der Krisenregion berichten zu können. „Wir bemühen uns um Reporter-Visa für alle umsturzgefährdeten Staaten in Arabien und Nordafrika, insbesondere für Libyen.“

Für Sat1, die Sender der Pro-SiebenSat1-Unternehmensgruppe, war Reporter Steffen Schwarzkopf bis Mitte der vergangenen Woche in Ägypten. „Wir entscheiden je nach Situation, wann wir ihn oder Carsten Hädler auf die Reise schicken“, sagt Peter Limbourg, Informationsdirektor der Sendergruppe. „Ansonsten greifen wir auf unser Netz von freien Korrespondenten zurück.“ Seit Montag versuche man bei Sat1, Visa für Reporter-Teams in Libyen zu bekommen. Es ist und bleibt die Zeit für Handy-Videos.

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