Medien : Liebesentzug

Hilfe, die Zuschauer kommen: Privat-TV setzte Telemesse ab

Joachim Huber

Die Liebe der deutschen Privatsender zu ihrem Publikum ist so stark wie die Liebe der Deutschen zu ihrem Haustier. Also sehr, sehr stark. Allerdings, auch diese Rose ist nicht ohne Dornen. Die Privatsender reagieren mit Liebesentzug, wenn die Zuschauer nicht dort sitzen, wo auch ihre Tiere sitzen – zu Hause, vor dem Fernseher, auf dem Bildschirm bellt „Kommissar Rex“. Hin und wieder steht der gemeine Zuschauer auf und läuft dorthin, wo er das Privatfernsehen und seine Lieblinge anfassen kann. Erster Treffpunkt war die Internationale Funkausstellung in Berlin, dort konnten Hunderttausende an den Ständen der Privatsender Beute machen. Dieser Proletenansturm war RTL & Co. unangenehm – so viele Menschen, die Mützen und Luftballons und bunte Tüten haben wollten und nicht vor dem Fernseher saßen. Die Privatsender reagierten: Sie ließen Berlin hinter sich und gründeten die Telemesse, erst Düsseldorf, dann Köln. Das Paradies war etabliert, hier die Sender, dort die Werbekunden, die erbarmungslos mit den Programm-Novitäten für das nächste Sendejahr bombardiert wurden, und dazwischen keine lästigen Zuschauer. Der beinahe schon obszöne Aufwand für zwei Tage Messe entlud sich in einer Lawine an Geschenken, Präsenten, Give-Aways. Das sprach sich rum, und, hastenichgesehen, waren schon wieder all die Störenfriede da, die die Sender mit der Funkausstellung entsorgt haben wollten – Typ „Beutel-Berliner“, der gerne auch bei der „Grünen Woche“ sein Unwesen treibt und ansonsten das Privatfernsehen bevorzugt.

Jetzt haben die Veranstalter, die Vermarkter SevenOne Media (ProSiebenSat1 Media AG) und IP Deutschland (RTL Group), Kosten und Nutzen neu kalkuliert und die Telemesse nach sieben Jahren abgesetzt. „Die Verwässerung des Publikums wurde auch von den Repräsentanten der Werbewirtschaft selbst immer kritischer gesehen“, erklären die Veranstalter. Für die neue Reinheit beim Publikum sollen exklusive Ersatzevents sorgen. Wahrscheinlich werden die „Top-Kunden“ auf höchst verschlungenen Wegen zu den verschwiegenen Separees gebracht; Parolen, Codenamen und Passwörter sichern die Prominenz. Aber Vorsicht, TV-Veranstalter! Der Beutegermane winkt schon mit den Beuteln. Seine Liebe zum Privatfernsehen kennt keine Grenzen, sie nimmt jede Hürde.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben