Medien : Männer von Welt: Wie liberal ist die "Welt"?

Matthias Hochstätter

"Die Welt, die seit 1946 besteht, ist das publizistische Flaggschiff und finanzielle Sorgenkind des Springer-Konzerns mit Zentralredaktion in Berlin. Gebunden an die redaktionellen Leitlinien in der Unternehmenssatzung, vertritt sie eher konservative Positionen", heißt es im aktuellen Medienhandbuch von Hermann Meyn. Ob der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes diesen Absatz in der nächsten Auflage korrigieren muss? Am 1. November bekommt die "Welt" mit Wolfram Weimer einen neuen Chefredakteur. Weimer ist ein echter Aufsteiger. Nur zwei Jahre musste er als Stellvertreter warten, bis Mathias Döpfner den Sessel des Chefredakteurs räumte. Gerade 36 Jahre ist er alt. Klug ist er auch, der Bücherschreiber ("Mit Platon zum Profit"), Mehrfach-Stipendiat und 0,6-Abiturient. Doch reicht das, um die finanziellen Sorgen hinter sich zu lassen? An der Blattlinie werde sich nichts ändern, heißt es aus der Berliner Springer-Zentrale. Weimer will bei der "Welt" erst "neue Akzente setzen", wenn er das Zepter fest in der Hand hält. Bis zum 1. November gibt er keine Interviews.

Springer lässt sich die neue Takelage des Flaggschiffs einiges kosten. Als Döpfner 1998 die Geschäfte übernahm, soll die "Welt" pro Jahr bis zu 40 Millionen Mark Miese gemacht haben. Seit Döpfner sind es 90 Millionen. Doch er übergibt seinem Nachfolger nicht nur Defizite, sondern peppte die "Welt" optisch auf und brachte frischen Wind in die Redaktion. Zwei Meinungsseiten gab er der Zeitung. Die alten Meinungsmacher sind ausgemustert oder wurden wie der national-liberale Historiker Rainer Zitelmann ins Immobilien-Ressort verbannt. Zitelmann, der unter Wissenschaftlern mit seiner fragwürdigen Hitler-Biografie für Unmut sorgte, hat die "Welt" mittlerweile verlassen. Zu seiner Abschiedsfeier wollten die Kollegen nicht kommen - der verordnete Klima-Wechsel hat wohl gefruchtet. Man muss Döpfner auch zugute halten, dass sich unter seiner Ägide das Meinungsspektrum der "Welt" erweitert hat. Hier kann Weimer aufbauen. Über die Wehrmachtsausstellung und ihre Mängel wurde nüchtern berichtet. Der CDU-Spendenaffäre wich Döpfner nicht aus und forderte in einem Kommentar vom 12. Januar den Rücktritt Wolfgang Schäubles.

Manchmal taucht jedoch auch unfreiwillige Ironie auf: Vor einigen Tagen sah er den "brutalst möglichen Aufklärer" Roland Koch als "exzellenten Politiker" und "übernächsten Kanzlerkandidaten der Union".

Liberal bis zweifelhaft ist bislang nur der Wirtschaftsteil. In seinen Kommentaren weiß der Wirtschaftsmann Weimer, dass "unserer Regierung der schnelle und faule Kompromiss" in Sachen Euro lieber sei als solide Entscheidungen. Auch ist sich der Volkswirt sicher, dass die "Börse mit verblüffender Effizienz Kapital sammelt". Im politischen Sommer-Theater 1999 ließ Weimer genüsslich den "Kanzler-Kasper" und seinen "braven Polizeiwachtmeister Eichelhans" auftreten. Aus seiner politischen Heimat macht Weimer wahrlich kein Geheimnis. Vielleicht auch ein Grund, warum Chefkorrespondent Thomas Schmid, liberales Aushängeschild der "Welt", seine Kündigung im Juni einreichte. Konrad Adam, bei der "FAZ" verantwortlich für Wissenschaftspolitik, übernimmt am 1. Oktober den Posten. Überhaupt stillt die "Welt" gerne ihren Personal-Bedarf bei der konservativen "Frankfurter Allgemeinen". Dem nur kurz amtierenden Feuilletonchef Christoph Stölzl soll Eckhard Fuhr folgen, den die "FAZ" nach Berlin abgeschoben hatte. Auch die Politik-Redaktion bekommt mit Uta Rasche Verstärkung aus Frankfurt. Döpfners Nachfolger kann aus dem Vollen schöpfen. Innerhalb von zwei Jahren wuchs die "Welt"-Redaktion um 30 auf 250 Köpfe an. Doch nach wie vor dürfen schwarze Urgesteine wie der Mainzer Medien-Wissenschaftler Hans Mathias Kepplinger Seiten füllend ihre Verschwörungstheorien von der linken Pressemacht breit treten. Und am "Tag der Heimat" rief der konservative Politikwissenschaftler Arnulf Baring zur kollektiven Trauer mit den Vertriebenen auf. Mit diesem Kurs steigt die Auflage seit zwei Jahren auf nunmehr knapp 250 000 Exemplare.

Mindestens ein Mann an der Spitze des Verlages wird sicherlich darüber wachen, dass die "Welt" nicht zu weit nach links driftet: Großaktionär Leo Kirch, der 1995 wetterte, dass der damalige Chefredakteur Löffelholz die "bürgerliche, dem christlich-abendländische Weltbild verpflichtete Grundhaltung" des Verlags beschädigt habe und dessen Ablösung verlangte. Döpfners Kopf forderte Kirch nicht, und Weimer wird ihn sich auch nicht abreißen lassen.

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