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Warum sich der „Focus“ unter Chefredakteur Wolfram Weimer bisher nur leicht verändert hat

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Punktuell will der neue Chefredakteur Wolfram Weimer den „Focus“ verändern. Mit der aktuellen Ausgabe ist das Magazin aus München eine Kooperation mit dem britischen „Economist“ eingegangen. Das soll der Anfang des Imagewandels sein. Fotos: Promo
Punktuell will der neue Chefredakteur Wolfram Weimer den „Focus“ verändern. Mit der aktuellen Ausgabe ist das Magazin aus München...Foto: Reto Klar

In der letzten Juni-Ausgabe des „Focus“ gab es sie noch einmal, eine der berühmten Listen: „336 empfohlene Spezialisten“ stand auf dem Titel, es ging um neue Behandlungszentren gegen Krebs. Ein typischer Helmut-Markwort-Titel. Jahrelang setzte der Chefredakteur des Magazins aus dem Burda-Verlag („Bunte“) auf das Konzept „news to use“, Nachrichten mit Nutzwert. Auf dem Cover prangten groß die besten Tipps gegen Rückenschmerzen, Schweinegrippe oder 100 wichtige Urteile zum Thema Erben. Damit soll es nun vorbei sein. Seit dem ersten Juli ist Wolfram Weimer Chefredakteur. Er will und er muss eine neue Kultur beim „Focus“ einführen.

Das erste Zeichen dafür ist in der am Montag erschienenen Ausgabe nachzulesen. Weimer hat eine Kooperation mit dem „Economist“ durchgesetzt. Ausgewählte Berichte der Londoner Zeitschrift sollen künftig im „Focus“ erscheinen. Eine Kulturrevolution, die nicht allen zu schmecken scheint – aber dringend notwendig ist, wenn das Blatt wieder in die Riege der seriösen Nachrichtenblätter aufgenommen werden will, bestenfalls auf Augenhöhe mit dem „Spiegel“.

Kontinuierlich ist die Auflage des „Focus“ gesunken. Nur noch rund 576 000 Exemplare verkaufte das Magazin im zweiten Quartal 2010, ein Minus von knapp zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Die Abos brachen um 23 Prozent auf rund 232 000 Stück ein. Im Vergleich: Der „Spiegel“ erzielt eine verkaufte Auflage von rund 985 000 Stück – aber nicht nur von dieser Auflagen, sondern auch vom Anspruch, als seriöses Nachrichtenmagazin wie der „Spiegel“ wahrgenommen zu werden, ist der „Focus“ wohl weiter entfernt als je zuvor. Längst scheint er sich aus diesem Wettbewerb verabschiedet zu haben – obwohl er 1993 als Konkurrenz zum „Spiegel“ gegründet worden war.

Berühmt aber wurde der „Focus“ dann weniger für seinen investigativen Journalismus als für seine vielen Listen, Grafiken und Info-Kästchen. Doch für „Fakten, Fakten, Fakten“, auf die Markwort stets setzte, braucht man im Zeitalter des Internets allein kein Magazin mehr. Qualitätsjournalismus muss heute mehr denn je das Geschehen einordnen, Hintergründe liefern und Debatten führen, um zur Meinungbildung der Leser beizutragen. Deshalb holte Verleger Hubert Burda Wolfram Weimer als Nachfolger für Helmut Markwort nach München.

Früher Chefredakteur von „Welt“ und „Berliner Morgenpost“, hatte Weimer seit 2004 das politische Magazin „Cicero“ gegründet und zu beachtlichem Erfolg geführt. Seit Juli bildet er nun in der „Focus“-Chefredaktion zusammen mit Uli Baur und Helmut Markwort eine Dreierspitze. Ab Oktober wird Weimer das Blatt zusammen mit Baur als Doppelspitze führen, Markwort wird Herausgeber des Blattes. Bereits seit März hatte Weimer seinen Wechsel als Entwicklungschef des „Focus“ von Berlin aus vorbereitet. Er hat sich in seinem Büro an der Friedrichstraße viele Gedanken gemacht, wie er das Blatt weg vom Service- und kleinteiligen Häppchenjournalismus, hin zum Qualitätsjournalismus orientieren und attraktiv für Meinungsmacher machen kann.

Markwort, heißt es in der Branche, soll von Weimers Plänen ganz und gar nicht begeistert sein. Dass es schwer ist, ein „Baby“ aus den Händen zu geben, ist nachvollziehbar. Weimer wird der Neuanfang aber anscheinend besonders schwer gemacht. Kurz vor seinem Antritt wurde der Preis des „Focus“ von 3,20 Euro auf 3,50 Euro erhöht, zudem sollen 40 bis 50 Stellen eingespart werden. Das Blatt unter diesen Bedingungen inhaltlich und auflagenmäßig besser aufzustellen ist nicht leicht.

Erschwerend kommt hinzu, dass Markwort, der am Montag auf Anfrage nicht zu erreichen war, noch vor Weimers Antritt und seinem Ausscheiden als Chefredakteur Ende Januar den Relaunch des Blattes durchsetzte – und das ohne großen Erfolg. Seit Januar ist die Auflage weiter gesunken.

Weimer kann aber nicht jetzt schon wieder einen Relaunch veranlassen, sondern nur punktuell das Blatt verändern. Dazu gehört die Kooperation mit dem „Economist“. Regelmäßig sollen Beiträge aus dem Magazin im „Focus“ übernommen werden. Attraktiv ist dabei vor allem das große Korrespondentennetz des Blattes. Jeden Donnerstag bekommt die Münchner Redaktion Einblicke in das geplante Inhaltsverzeichnis und darf sich passende Beiträge aussuchen. Die Beiträge werden dann aus dem Englischen übersetzt. Die beiden Zeitschriften planen auch, gemeinsame Titel zu veröffentlichen. So will der „Focus“ Anfang Dezember erstmals das Magazin „The World in 2011“ auf den Markt bringen, das seit 25 Jahren jährlich vom „Economist“-Verlag veröffentlicht wird. Darin wagen prominente Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Kultur einen Ausblick in das kommende Jahr. „Diese Kooperation soll nur ein erster Schritt sein“, sagte Weimer dem Tagesspiegel.

Weimer strebt weitere Kooperationen mit international renommierten Magazinen an. „Und noch im August soll ein Ressort für Debatten eingeführt werden“, sagte Weimer. Bekannte Autoren sollen hier Beiträge schreiben. Verändern will Weimer auch die Bildsprache des Blattes. Fotos sollen nicht bloß nützliche Illustrationen, sondern journalistischer sein. Das ist schon im aktuellen Heft zu sehen, in dem drei Doppelseiten Bilder zu aktuellen Ereignisse der Woche zeigen; ähnlich, wie es der „Stern“ macht.

Es sind erste Schritte, mit denen Weimer versucht, die Profilierung des „focus“ voran zu treiben. Auf eine Rubrik aber wird er wohl auch künftig nicht verzichten können: Markworts „Tagebuch“.

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