Magazin ''Zukunft'' : Medien, Muslime, Missverständnisse

„Zukunft“ ist ein Magazin für Türken und Deutsche und setzt auf die Gemeinsamkeit zwischen Zuwanderern und Einheimischen. Auch Selbstkritik hat hier einen Platz.

Ferda Ataman

„Was haben Polen, Türken, Blondinen und Mantafahrer gemeinsam?“ Der Satz klingt wie der Anfang eines peinlichen und politisch völlig unkorrekten Witzes. Doch die unfreiwillige Komik endet bereits in der nächsten Zeile: „Sie sind alle Opfer von Vorurteilen. Polen klauen, Blondinen und Mantafahrer sind geistig beschränkt und Türken gleich beides.“ Die Einleitung der Titelgeschichte der deutsch-türkischen Zeitschrift „Zukunft“ spricht vielen Türken aus der Seele. Dabei geht es in dem Artikel eigentlich um die Stadt Istanbul – die Metropole, die jedes Vorurteil über den Haufen werfe.

Seit einem Jahr bringt der türkische Verlag World-Media-Group in Offenbach die Monatsschrift „Zukunft“ heraus. In Hochglanz. Und auf Deutsch. Denn das Magazin soll eine Nische in den Medien abdecken. „Türkische Bürger leben seit über vierzig Jahren in Deutschland, sie haben auch eine Meinung zur Innenpolitik oder Globalisierung“, sagt Bülent Sengün, der 34-jährige Chefredakteur. In „Zukunft“ gehe es deshalb nicht nur um „Türken-Themen“, wie in anderen Zeitschriften von Deutschtürken.

Die Doppelausgabe Juli/August bietet ein breites Spektrum: Ein Iraker beschreibt den Bürgerkriegsalltag, ein Sozialwissenschaftler überdenkt den deutschen Umgang mit der RAF und eine Autorin kritisiert klimaschädliche Urlaubsreisen. Dazu ein Kommentar zur Reform des Zuwanderungsrechts. Sie beschäftigt die türkischsprachigen Medien seit Wochen. Auch „Zukunft“ kritisiert die neuen Einschränkungen für den Familiennachzug – im Vergleich zur türkischen Boulevardpresse jedoch differenziert. „Es ist nicht gut, aber man kann es akzeptieren.“

Knapp 4000 Abonnenten hat das Gesellschaftsmagazin. Laut Sengün ist jeder Zehnte davon deutsch. Trotzdem orientiere „Zukunft“ sich nicht an Themen „wie Blutrache und Kulturkampf“, die deutsche Leser erfahrungsgemäß am meisten interessieren. Vielmehr soll die Gemeinsamkeit zwischen türkischen Zuwanderern und Einheimischen herausgestellt werden. Klingt wie eine Floskel, die Umsetzung ist jedoch interessant:

Eine unerwartete Schnittstelle zeigt sich beim Thema Muttersprache – für Türken in Deutschland ein emotionales Thema. „Zukunft“ berichtet über die „restriktive Sprachpolitik“ gegenüber Deutschen im Elsass. Die dort ansässige „Bewegung für muttersprachlichen Deutschunterricht“ erinnert aus einem neuen Blickwinkel an den ewigen Streit um Türkischunterricht an deutschen Schulen.

Auch Selbstkritik scheint eine Gemeinsamkeit der deutschtürkischen Mentalitäten zu sein. Nach dem Mord 2007 am armenischen Journalisten Hrant Dink in Istanbul wagt sich „Zukunft“ auf ein türkisches Minenfeld vor. Sie kritisiert die türkischen Lehrpläne – ein heiliges Relikt des Kemalismus: „Alles, was den Türken in der Schule beigebracht wird, ist, dass die Armenier während eines außerordentlichen Kriegszustands einen Verrat begangen hätten.“ „Zukunft“ wirft damit ein neues Licht auf die türkische Presselandschaft in Deutschland. Denn die öffentliche Wahrnehmung der türkischen Medien bleibt meist auf „Hürriyet“ und den Boulevard beschränkt. Doch die Druckwaren sind keineswegs so homogen, wie oft angenommen wird. Ferda Ataman

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