Magersucht : Die Leiden der „dünnen Mädchen“

Anorexia nervosa lautet der medizinische Name der Krankheit, die als Magersucht traurige Bekanntheit erlangt hat. 3sat blickt hinter die Kulissen einer Klinik gegen Essstörungen.

Hendrik Feindt

Die Frauen in Maria Teresa Camoglios Film „Die dünnen Mädchen“ heißen Susanne und Anne, Madalena und Hilke oder Karin und Curly. Sie agieren nicht auf dem Laufsteg, sondern für klinische Behandlung. Gemeinsam mit allen Models, die im Zeichen tödlicher Magersucht zum Thema der Medien geworden sind, haben Camoglios „dünne Mädchen“ allerdings eines: eine Physiologie, die der Aufmerksamkeitsfalle zum Opfer fiel.

Ein knappes Jahr, nachdem in Italien und Spanien das Ausbeuten der Dürren, der Überdünnen und der Allzuschlanken für die Werbe- und Modebranche auf den gesetzlichen Index gekommen war, hat die aus Sardinien stammende und in Berlin ausgebildete Regisseurin eine Klinik in einem niedersächsischen Kurort aufgesucht. „Kompetenzzentrum für Essstörungen“ nennt es sich. Keine Ärztin, kein Therapeut kommt in Camoglios Dokumentation zu Wort, sondern zu Recht ausschließlich die, die sich dort einer Behandlung unterziehen: Es sind Frauen im Alter von etwa 18 bis 30 Jahren, die sämtlich an Untergewicht leiden oder gelitten haben.

Anorexia nervosa, landläufig Magersucht, lautet der medizinische Name ihrer Krankheit. Und betroffen macht, wie sehr dieser Name zum Epizentrum ihrer Wahrnehmung und ihrer Welterklärung geworden ist. Symptomatisch ist es von daher, dass die Berechnung von Kalorien und der Gang auf die Waage den gedanklichen Alltag in der Klinik beherrschen.

Mit einer Sendelänge von über eineinhalb Stunden haben die Filmemacher leider selbst das Gefühl für das rechte Maß überschritten. Die zahlreichen Einlagen aus einem Flamenco-Workshop mit den sentimentalen und elegischen Bildern (Kamera: Sophie Maintigneux) widersprechen dem Anspruch auf soziale Diagnostik. Hendrik Feindt

„Die dünnen Mädchen“, 21 Uhr 45, 3sat

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