Medien : Manchmal ist weniger drin, als man glaubt

Heinz Florian Oertel

Weihnachten, Silvester, Neujahr, im Fernsehen ist das die Zeit der Marathon-Sendungen. Sat 1 hatte "Der mit dem Wolf tanzt" von Kevin Costner im Programm. Ein Vier-Stunden-Epos, trotzdem: keine Minute zu lang. Zweifelsohne ein Kunstwerk. Und RTL? Konterte mit der Vierschanzentournee. Von der zeitlichen Dauer her konnte sich die Ski-Berichterstattung fast mit Costners Film messen. Drei Stunden waren vergangen, als Sven Hannawald schlussendlich mit seinen Skiern durchs Aufsprungtal tanzte. RTL hatte kein Kunstwerk versprochen, doch immerhin Übertragungskünste. 31 Kameras, darunter eine so genannte "Cam-Cat", ein Seilkamerasystem, das einen Springer vom Anlauf bis zur Landung mit derselben Geschwindigkeit begleitet. Ist das technische Kunstwerk gelungen? Na, mal sehen.

Über drei Stunden für rund hundert Sprünge ... Geben wir jedem als blanken Vorgang großzügige dreißig Sekunden, kommt, gleichfalls sehr großzügig, eine knappe Stunde Sport heraus. Dies wäre das Nettogewicht einer solchen Sendung. Es beweist, was Tara, also die Verpackung, heute ausmacht. Mindestens das Doppelte vom Sport!

Ah, ja - jetzt stöhnen diejenigen, welche die Entwicklung bestimmen, und schimpfen den Kritiker als simple Krämerseele, der unter den großen Krämern nichts zu suchen hat. Sie können sich sogar auf Alfred Kerr berufen. Berlins exzellentester Theaterkritiker bekannte vor 70 Jahren selbstkritisch, "nur Kritiker zu sein, genüge nicht". Der Skisprungübertragungskritiker von heute, der ziemlich in der Klemme sitzt, nutzt das zur Behauptung, Freund und Verehrer aller Schanzen-"Tänzer" und Kenner der Übertragungsgeschehnisse zu sein. Von den jetzt zu feiernden 50 Tourneen erlebte ich ein Drittel direkt mit, als Radio- und TV-Reporter. Wenn ich vom Gestrigen aufs Heute gucke, schließe ich mich bei allen Betrachtungen gar zu gern dem alten Mitstreiter und Urorganisator Hans Ostler in Garmisch an. Der bringt seine Haltung und Gefühle auf den Hauptnenner: Alles war ganz anders und ist mit Jetzigem nicht mehr zu vergleichen.

Richtig: Und deshalb auch zu heutigen Kriterien. Was ist überhaupt zu bewerten? Das Gesamtspektakel? Gerade das geht nicht. Zu vieles passt nicht unter einen Hut. Trennung ist nötig. Trennung in A- und B-Note.

Zur A-Note: ein gewaltiger Werbungsteil, der viel mehr beinhaltet als die reinen Werbeblöcke. Bravo! Schmetterndes Tätärätä! Firlefanz von Format! Durchgehalten bis zum kleinsten Fähnchen. Pappschildchenregie - alles picobello. Stundenlang. Meisterliches Zusammenwirken aller Produktions- und Aufnahmeleitungsleute. Extra-Tusch für Chefregisseur Volker Weicker. Und der karnevalistisch vorverkleidete Hauptsprecher Jauch erst, solchen Mut muss man erst mal haben ...

Zur B-Note. Dem Sportjournalistischen lässt sich leider kein Beifall spenden. Hier herrschte wieder seichtes Mittelmaß. Alle sprechenden Akteure kämen - im Stil der Sprungrichterwertung - nicht über 17.0 hinaus. Ausgenommen Dieter Thoma, einziger Amateur (!) im Team. Dem stehen 19.0 zu, denn er stellte wieder alle so genannten Profis in den Schatten. Was da, zum Teil jedenfalls, an Kläglichem sprecherisch geboten wurde, ließe einen Kerr, der "Sätze meistern" zur Lebensaufgabe erhob, verzweifeln. Egal, ob vom Schanzenturm oder vom Hubschrauber aus: Die Moderationen gerieten alles andere als meisterhaft.

Zu Günther Jauch, publikums- und kritikverwöhnt, will ich mich in Sachen Sportjournalismus nicht mehr äußern. Vorrangig aus Sympathie. Seine Rolle als Dauerfragesteller, unbedarft oder spielend, macht mich stumm.

Ins Schwärmen gerate ich, wenn ich die heutigen technischen Möglichkeiten sehe. Was da alles gezeigt wird - Kompliment! Für die Tüftler, Erfinder, Erprober: Der hat nicht unrecht, der mir gerade jetzt wieder erklärte: Eigentlich sind alle Kommentatoren und Moderatoren überflüssig. Tatsächlich, nahezu alles kann ins Bild gesetzt, und fast alles kann mit Schrifteinblendungen ergänzt werden. Nur eines fehlte dann doch: Das Menschliche, das nicht nur Information, sondern auch Gefühl schenkt. Und gerade deshalb kommt es heutzutage eher mehr als weniger auf alle Vermittlungsfähigkeiten des Journalisten an.

Und das mit der Technik kann auch übertrieben werden: Die "Cam-Cat", das viel gepriesene Technik-Wunder, entpuppte sich als Schuss in den Ofen: Urplötzlich flogen auf dem Bildschirm die Schanzen-Asse seitenverkehrt. Schlimmster Technik- und Regiefehler! Und erneuter Beweis, dass weniger meist mehr ist.

Bleibt die Quote, angebliches Machtinstrument für Sein oder Nichtsein im TV-Leben. Glückwunsch! RTL lebt! Auch hier wieder. Weit über acht Millionen Zuschauer für Oberstdorf, dicke neun Millionen für Garmisch, das kann sich sehen lassen. Auch wenn die selbst gesetzte Rekordmarke von zehn Millionen nicht geschafft wurde. Na und? Ist so eine Quote denn überhaupt ehrlich?

Nur wenn es direkte Vergleiche gäbe, könnte man das behaupten. Übertrügen zwei oder mehr Sender zur gleichen Zeit live, hätte der Zuschauer tatsächlich die Wahl. Hier muss, wer will.

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