Maschmeyer-Show bei Vox : Als Raubtier vor der Kamera

Am Dienstagabend startete die dritte Staffel der Investment-Show "Die Höhle der Löwen". Die Hauptdarsteller: Das Geld – und diejenigen, die es haben.

Anett Selle
Die Investoren (v.l.): Carsten Maschmeyer, Judith Williams, Ralf Dümmel, Frank Thelen und Jochen Schweizer.
Die Investoren (v.l.): Carsten Maschmeyer, Judith Williams, Ralf Dümmel, Frank Thelen und Jochen Schweizer.Foto: Promo

Fünf Investoren plus sechs Start-Ups gleich vier Deals: Das ist das Ergebnis der ersten Folge der neuen Staffel von „Die Höhle der Löwen“ – ausgestrahlt am Dienstag um 20.15 Uhr auf „Vox“. Die Show bringt Gründer und Investoren vor laufender Kamera zusammen. Das Prinzip: Gründer stellen ihre Ideen vor und die Investoren entscheiden, ob sie ihr Geld investieren – im Tausch für Anteile an den jungen Unternehmen.

Die fünf Investoren sind selbst erfolgreiche Unternehmer. Ralf Dümmel beliefert Discounter mit nicht-essbaren Waren, Frank Thelen gründet seit Jahrzehnten Start-Ups, Carsten Maschmeyer betreibt Investmentfirmen, Jochen Schweizer ist Gründer und Vorsitzender der nach ihm benannten Erlebnis-Unternehmensgruppe und Judith Williams verkauft Kosmetik über Tele- und Onlineshopping.

Die Kandidaten treten an – und bekommen Probleme

„Die Höhle der Löwen“ läuft seit 2014, mit wechselnden sowie Stamm-Investoren, und wurde bereits mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Moderiert wird die Sendung von Ermias Habtu, der auch in der Tiertalentshow „Oberaffengeil“ zu sehen war und durch das Promi-Magazin „Prominent!“ führt. Nirgendwo könne man als Gründer so schnell an so viel Geld kommen, heißt es zu Beginn der Show. Und genau das haben die sechs Kandidaten versucht.

Die Gewürzmanufaktur Ankerkraut, der Pflanzenversandhandel Evergreen, das Bügelzubehör Bügel Clou, der Online-Shop für Designertrachten Limberry, die Zahnschiene Dental Power Splint und die Reise-Webseite Find Penguins: Ihre Gründer beziehungsweise Erfinder sind angetreten, um von sich und ihren Ideen zu überzeugen. Doch sie stoßen auf Schwierigkeiten: Die Investoren konkurrieren nicht miteinander, ja, sie scheinen Konkurrenz zu meiden. Sie bilden eine Front, sprechen sich ab, tun sich zusammen. Williams sagt beispielsweise, Thelen sei genau, was die Gründer von Ankerkraut bräuchten: „Deshalb bin ich draußen.“

Die zweite Auffälligkeit: Die Machtverhältnisse sind klar verteilt. Keiner der fünf Investoren hat ein abgeschlossenes BWL-Studium – was Maschmeyer nicht daran hindert, die Gründer von Evergreens wegen ihrer Lebensläufe abzufertigen. „Ich vermisse bei euch die Kompetenz“, sagt er, einen Botaniker hätte er sich gewünscht, oder einen Biologen. Maschmeyer selbst wurde aufgrund seiner Fehlzeiten aus seinem Medizinstudium zwangsexmatrikuliert und hat kein abgeschlossenes Studium. Doch er sagt: „Meine Gartenpraktikantin hat mehr Ahnung von Pflanzen.“ So findet Evergreens an diesem Abend keinen Investor. „Das Thema stimmte“, kommt die Stimme aus dem Off, „Es lag an den Gründern selbst.“

Die dritte Auffälligkeit: Die Kandidaten werden nicht auf Augenhöhe, manchmal sogar respektlos behandelt. Am offensichtlichsten wird das beim letzten Kandidaten, Find Penguins. „Sehr viel Halluzination“ sei da dabei, lässt Maschmeyer den Gründer wissen. „Sie kommen noch ein bisschen aus Fantasialand.“ Schließlich kommt doch noch ein Deal zustande: Schweizer steigt ein, mit 200.000 Euro, allerdings für 50 Prozent der Firma, statt der 15, die der Gründer eigentlich hergeben wollte. Schweizer sichert umfangreiche Unterstützung zu und Arbeit „auf Augenhöhe“ – doch damit ist es bald vorbei. Schweizer lässt wissen: „Den musst du bei der Hand nehmen, sonst wird das nichts.“

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Die Welt ist eine Bühne: Aber wer spielt die Hauptrolle?

Die Helden der Castingshow sind nicht die Start-Ups oder ihre Gründer, sondern die fünf Juroren, die Investoren. Dass das so ist, zeigen nicht nur die ihnen gewidmeten Image-Filme, die zwischendurch eingespielt werden. Schon der Titel der Show ist ein Hinweis auf den Schwerpunkt: Eine Sendung, der es vorrangig darum geht, vielversprechende Start-Ups zu entdecken und zu fördern – würde man die „Die Höhle der Löwen“ nennen? Was passiert denn in einer „Höhle der Löwen“? Eine solche Höhle ist ein gefährlicher, ein dunkler Ort, an dem wilde Tiere leben, die unvorsichtige Gazellen zerfleischen. Die Logik hinter dem Ausdruck: Wer hineingeht, kann gewinnen – und ist selbst schuld, wenn er verliert. Fiese Sprüche und Respektlosigkeiten? Muss man abkönnen: Wer geht da auch rein, ohne auf sowas vorbereitet zu sein?

Hinzu kommt, dass „Die Höhle der Löwen“ eine Fernseh-Show im wahrsten Sinne ist: Investitionen – vor der Kamera knallhart verhandelt – finden im Nachhinein nicht unbedingt statt. Die Verträge von Vox und der Produktionsfirma Sony Pictures sind zwar geheim, doch nach Recherchen von „Focus Online“ haftet keine der beiden Firmen dafür, dass Zusagen auch eingehalten werden. „Es gibt Deals, die im Nachhinein nicht zustande gekommen sind“, zitiert die Seite einen Vox-Sprecher. Gründe dafür? Darüber könne man keine Auskunft geben.

Geld, Geld, Geld – Geld, Geld, Geld

In „Die Höhle der Löwen“ sind gute Ideen und diejenigen  Menschen, die sie vorstellen, die Nebendarsteller. „Die Höhle der Löwen“ ist eine Sendung über Geld. Über Menschen, die Geld haben – und deshalb ins Fernsehen kommen, um als „Löwen“ die mehr oder weniger selbstbewussten Gazellen aufmarschieren zu lassen. „Es geht um Millionen und so viele Deals wie nie zuvor!“, heißt es in der Vox-Promo.

Dabei ist fraglich, ob die Investoren eine Fernsehsendung brauchen, um Kontakte zu interessanten Start-Ups zu knüpfen und in sie zu investieren. Könnten sie sich nicht zum Geschäftsessen mit interessanten Start-Up-Gründern treffen, sie zu sich ins Büro einladen oder bei ihnen vorbeifahren? Muss man dafür im Fernsehen sein Portemonnaie-gepolstertes Ego austoben und in die Rolle der „Löwen“ schlüpfen, die die Gazellen vor der Kameralinse auseinandernehmen?

Sich einem Investor vorzustellen ist fordernd, auch ohne den zusätzlichen Druck durch laufende Kamera und Vox-Publikum. „Die Höhle der Löwen“ bringt die Gründer den Investoren nahe, macht aber gleichzeitig eine schwierige Situation noch schwerer. Welchen Grund könnten die Investoren also dafür haben, solche Treffen nicht vertraulich zu suchen, sondern Start-Up-Unternehmer stattdessen wie „Oh-mein-Gott-ich-werde-der-nächste-Superstar“-Kandidaten vor sich antanzen zu lassen? Und das bereits zum dritten Mal, in der dritten Staffel?

Fragen über Fragen, doch das Fazit des Abends sind die folgenden: Ist eine Sendung wie „Die Höhle der Löwen“ wirklich der beste Weg, den Investoren den Start-Ups in Deutschland zu bieten haben, um mit ihnen Kontakt aufzunehmen? Und wenn ja: Wie viele Staffeln der „Löwen“ braucht es noch, bis zu der einen Start-Up-Idee, die diesen Zustand ändert? Wünschenswert wäre, sie käme bald.

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