Medien : Maybrits kleine Medien-Fibel

Für Jugendliche ist es gedacht, doch „Ente auf Sendung“ ist ein interessantes Lesebuch für Journalisten

Barbara Nolte

Es war eine ungewöhnliche Wortmeldung, mit der Hans-Ulrich Jörges, stellvertretender Chefredakteur des „Stern“, in die Podiumsdiskussion einstieg. Am besten, sagte er, erzähle er jetzt mal die gravierendste Falschmeldung seiner Karriere. Journalisten, muss man wissen, plaudern über nichts lieber als über Pannen aller Art: Falschmeldungen, schlecht geschriebene Artikel. Aber es sind immer die Pannen der anderen. Jörges berichtete nun, wie er am Montagmorgen nach der Niederlage von Johannes Rau bei der Bundestagswahl 1987 von dessen Vertrautem die Nachricht gesteckt bekam, Rau wolle jetzt den SPD-Vorsitz übernehmen. Die Meldung des Tages war das, ganz klar. Die „Süddeutsche“, bei der Jörges damals arbeitete, machte sie zu ihrem Aufmacher. Nur: Sie stimmte nicht.

Verlass dich nie auf nur eine Quelle – das wollte Jörges mit der Anekdote veranschaulichen. Und: Vergiss nie, Politiker sind deine Gegner. So lautet auch die zentrale These des Beitrags, den er für das Buch „Ente auf Sendung“ geschrieben hat. Zur Präsentation des Buchs ist er am Freitagmorgen ins Berliner Max-Liebermann-Haus gekommen. Dort saß er zusammen mit der „Tagesthemen“-Moderatorin Anne Will, dem „Spiegel“-Autor Jürgen Leinemann und der ZDF-Moderatorin Maybrit Illner auf dem Podium, die ebenfalls in einem Beitrag aus ihrem Berufsleben berichten. Es ist ein sehr gutes Buch geworden.

„Ente auf Sendung“ ist gewissermaßen die Fortsetzung von „Der Kanzler wohnt im Swimmingpool“, das Ingke Brodersen zusammen mit Doris Schröder- Köpf herausgeben hat; darin wird Kindern Politik erklärt. Diesmal also die Medien, diesmal hat sich Brodersen Maybrit Illner als Mitherausgeberin gesucht. Und beide konnten die teils prominentesten, teils besten deutschen Journalisten der verschiedenen Genres als Autoren gewinnen – das macht das Buch so interessant. Die „Bunte“-Chefin Patricia Riekel schreibt über Klatsch, der große Rechercheur Hans Leyendecker über investigativen Journalismus, Rudi Carrell über den aussterbenden Beruf des Showmasters.

Die Buchbeiträge richten sich an 16- bis 19-Jährige, aber das heißt nichts anderes, als dass sie selbstkritischer sind als in anderen Journalismus-Büchern. Jugendlichen kann man nicht mit den üblichen Floskeln des Berufs kommen. Und damit junge Menschen das Buch auch verstehen, ist es besonders anschaulich geschrieben. Und Anschaulichkeit ist ja das, was der Journalismus im besten Fall leistet: Erkenntnis durch Anschauung. Insofern ist „Ente auf Sendung“ ein sehr erwachsenes Buch, in dem Journalisten von ihrem täglichen Kampf erzählen, der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen. Es ist sogar ein Beitrag zur großen Debatte, bei deren Erwähnung Journalisten für gewöhnlich sofort einschlafen: der Debatte um das wichtige, unendlich oft diskutierte Thema der journalistischen Ethik, das große Worte immer nur halb treffen. Illners und Brodersens kleine Geschichten nähert sich ihm in origineller Form.

Jürgen Leinemann sagt zum Beispiel, ein Journalist „müsse wissen, aber auch verstehen, erschütterbar bleiben und dennoch wiederstehen können“. Hans-Ulrich Jörges schimpft über Kollegen, die es mit der Moral nicht so genau nehmen: Sie sind für ihn „willige Gefolgschaften der politischen Heerführer“. Charakterlich noch mieser findet er nur die Berater der Politiker, Männer wie der frühere Vertraute von Rau. Mit der Zeit könne man aber seine Informanten einschätzen, sagt er. So wurde der Rau-Vertraute seine zweite Exklusiv-Meldung nicht mehr an Jörges los. Es war 11 Jahre später, auch ein Tag nach der Wahl: Schröder hatte diesmal gewonnen. Jörges traf den alten Bekannten in der Staatskanzlei von Hannover. Es sei noch geheim, sagte der, aber Lafontaine wolle Bundespräsident werden. Natürlich wollte Lafontaine das nie. Jörges wusste: „Schon am ersten Tag wollten die Lafontaine weghaben.“

Maybrit Illner, Ingke Brodersen: „Ente auf Sendung“, Deutsche Verlags-Anstalt, 19 € 80

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