Medien : MDR: Überprüft, enttarnt, verjährt

Björn Achenbach

Als Eric Markuse vor vier Monaten seinen neuen Job als Leiter der Hauptabteilung Kommunikation und Marketing des MDR in Leipzig antrat, begann für den ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur der "Hamburger Morgenpost" eine harte Zeit. Dass das Thema Stasi im Sender eine so große Rolle spielen würde, habe er sich "aus der Ferne nicht vorstellen" können, sagt er heute. An manchen Tagen würden "neu enttarnte Stasi-IM plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen". Immerhin: Die Überprüfung der festen Mitarbeiter ist demnach "fast abgeschlossen". Für 1987 von knapp 2000 Festangestellten seien bei der Gauckbehörde Anträge eingereicht worden. Bislang gebe es 1528 Rückläufe, davon 1474 ohne Befund. In 54 Fällen lägen Hinweise auf Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit vor. In 43 dieser Fälle gebe es eine neue Aktenlage, sie werden allesamt dem Personalausschuss übergeben. Dieser habe bis heute elf Empfehlungen für den Intendanten ausgesprochen - 32 stehen also noch aus. "Von einigen Mitarbeitern haben wir uns bereits getrennt", sagt Markuse. Bei den festen freien Mitarbeitern geht die Überprüfung dagegen nur schleppend voran: Von ungefähr 1000 wurden bisher 754 angeschrieben, nur 464 haben eine Eingangsbestätigung an den Sender zurückgeschickt. Von der Gauckbehörde gebe es bisher "285 Rückläufe, 13 mit Befund". Markuse nennt keine Namen, sagt aber: "Auch von freien Mitarbeitern haben wir uns getrennt."

Die Zahlen zeigen, dass der MDR mit seiner verspäteten Aufarbeitung noch lange nicht über den Berg ist. Sein Sprecher gibt sich optimistisch, "dass wir die Überprüfung bis zum Ende des Jahres abgeschlossen haben - und zwar korrekt". Erst dann kann die Glaubwürdigkeit des MDR, die durch die Stasi-Debatte gelitten hat, wiederhergestellt sein. Schließlich soll das zehnjährige MDR-Jubiläum nicht vom Thema Stasi überschattet werden. Für den 31. Dezember ist eine "gigantische Silvesterparty" geplant.

In einigen besonders komplizierten Fällen kann der MDR den betroffenen Mitarbeitern arbeitsrechtlich nicht begegnen. Diese dürfen laut einer Verfügung von Intendant Udo Reiter keine redaktionellen Beiträge mit Bezug zur DDR-Geschichte mehr "verfassen, produzieren oder vor Mikrofon oder Kamera sprechen". Neben Sabine Hingst, der ehemaligen Moderatorin des Politmagazins "FAKT" und heutigen Leiterin des Berliner Büros, die mit einem Fernsehbeitrag über den 40. Jahrestag des Mauerbaus für Unmut gesorgt hatte, gilt die Anweisung auch für den Literaturredakteur Michael Hametner (IM "Detlev Lauer"). Der hatte unmittelbar nach seiner Enttarnung ein "Recht auf Irrtum" eingeklagt und öffentlich gebeten: "Ich möchte meine Arbeit fortsetzen." Das darf er nun - die Frage ist nur, wie? Da sein Fall verjährt ist, wird Hametner weiterbeschäftigt. "Grundsätzlich", sagt Markuse, "gilt die Anordnung des Intendanten natürlich auch für ihn."

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