MEDIA Lab : No Bullshit

Achtung: Unser Media-Lab-Kolumnist sieht uns angesichts vieler "Bullshit"-Traktate in Gülleflut ersticken.

Stephan Russ-Mohl
Gibt's auch als Knopf, mit Soundeffekten.
Gibt's auch als Knopf, mit Soundeffekten.Screenshot: Tsp

Zur Feier des Montags nehmen wir heute einmal unter die Lupe, was Normalmenschen – mit Ausnahme von Hundeliebhabern – nicht einmal freiwillig in die Hand nehmen: Fäkalien. Genau genommen, geht es um Bullenscheiße. Sie stinkt zum Himmel, aber damit die Sache nicht ins Uferlose entgleitet, gilt unsere Aufmerksamkeit einem Anglizismus, der sich in der Medienszene zunehmender Beliebtheit erfreut.

Er gelangte im Angelsächsischen zu höheren Weihen, als der Philosoph Harry G. Frankfurt (2005) sein kleines, aber feines gleichnamiges Traktat „On Bullshit“ publizierte, das alsbald zum Bestseller avancierte.

Der Erfolg hat seither schon Dutzende weitere englischsprachige Autoren dazu veranlasst, Bücher zum Thema zu veröffentlichen. Grob einteilen lässt sich die Publikationsflut im Sachbuch-Sektor in die „Bullshit“- und in die „No Bullshit“-Produktion. Am vollmundigsten in der erstgenannten Abteilung kommt ein Büchlein mit dem Titel „Everything Is Bullshit“ daher. Es verspricht nicht mehr und nicht weniger, als allen Beschiss auf Erden zu enthüllen. Auf der Gegenseite verheißt ein Autorengespann nicht minder das Unmögliche: „No Bullshit Social Media“.

Wem das nicht reicht, der kann sich auch an einschlägigen Romanen und therapeutischen Malbüchern delektieren. Zwei Lexika empfehlen sich obendrein all denen als unentbehrliche Helfer an, die geübt und feinsinnig mit Sprache umgehen möchten. Das eine widmet sich gezielt dem „Corporate Bullshit“, also der oftmals zynischen verbalen Schönfärberei, mit der Konzerne sich, ihre Aktionäre, Mitarbeiter, Kunden und den Rest der Welt beglücken.

Im zweiten Titel, dem „Bullshit-Lexicon“ von Mark Peters, kann man zum Beispiel in Erfahrung bringen, wie sich „mumbo-jumbo“ oder „meadow mayonnaise“ von gewöhnlichem Bullen- und Kuhfladen unterscheiden. Ob es sich dabei im Sinne Niklas Luhmanns um „funktionale Äquivalente“ handelt oder nicht, dürfte indes dem Autor entgangen sein – vermutlich ja vor allem deshalb, weil der deutsche Meistersoziologe anno dazumal noch eine distinguiertere Sprache pflegte. All diese publizistische Produktivität ist aber wohl irgendwie doch ein Indikator dafür, dass wir tatsächlich in Güllefluten zu ertrinken drohen.

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