Medien : Medien nach dem Angriff: Ist es erlaubt, zufrieden zu sein?

jbh/rcz/usi

Ein Chefredakteur hat mit seiner Redaktion innerhalb von 24 Stunden ein Sonderheft zu dem Terroranschlag in den USA produziert. Im Gespräch mit Freunden erzählt er, wie sehr er sich über die Leistung seines Teams freue. Der Job habe ihm "selten so viel Spaß gemacht", sagt er. Und fügt hinzu, er wisse ja, dass das Wort Spaß unter diesen Umständen fehl am Platz sei.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Ein Verlagssprecher ruft an, um zu erzählen, was die Medien des Hauses zum Angriff auf New York und Washington so alles auf die Beine gestellt hätten. Man wolle keine Presseerklärung rausschicken, das sei ja irgendwie fehl am Platz. Aber darauf hinweisen, das möchte man schon. "Vielleicht können Sie das ja in Ihrer Medien-Berichterstattung verwerten? Wäre doch schön."

Ein Medien-Manager beschimpft einen Medienjournalisten, der darüber berichten will, wie Medien auf das Geschehen in New York reagieren. "Unerträglich" sei das.

Fernsehsender freuen sich in Pressemitteilungen über hohe Quoten und die eigene Informationskompetenz. Nachrichtensender freuen sich noch mehr. Sogar die Zahlen aus der Zeit des Golfkriegs wurden übertroffen. Der Terroranschlag - ein Quoten-Highlight in der Sendergeschichte.

Ist das Zynismus? Oder Liebe zum Journalismus? Professionelles Selbstverständnis? Der Anschlag hat auch in den Redaktionsstuben zum Ausnahmezustand geführt. Der Adrenalinspiegel ist gestiegen, Höchstleistung gefordert. Und wenn sie erbracht ist, macht sich innerlich Zufriedenheit breit. Trotz allem. Darf das sein? Es ist die Pflicht eines Journalisten zu berichten, aufzuklären. Er hilft anderen, die nicht direkt an den Informationsquellen sitzen, zu begreifen, warum die Welt gerade verrückt spielt. Und wenn er das getan hat, darf er auch stolz sein. Medien sollten in diesen Tagen nicht nach Sensationen gieren. Müssen sie auch nicht, die Realität könnte nicht sensationeller sein. Es gilt das Gebot der Zurückhaltung, Feingefühl ist gefordert. Spaß und Unterhaltung sind derzeit weitgehend aus dem Programm, den Zeitungen verbannt. Lachen ist nicht angebracht. Vielleicht auch, weil das momentan keine Quote/Auflage bringt? Dem Image schadet? Ist die Zeit der Gutmenschen angebrochen? Darf man in diesen Tagen öffentlich angekündigte gute Taten verurteilen? usi

Selbst die schrillsten Radiosender verzichten auf Lautstärke und spielen ruhige Musik. r.s.2, Meister im Organisieren abstruser Gewinn-Aktionen, baute auf dem Potsdamer Platz ein Stück Berliner Mauer mit Geldscheinen nach. Die Hörer sollten die Summe schätzen. Am Mittwoch die Pressemitteilung: Die Summe (102 025 Mark) wird den Waisen der Terror-Opfer gestiftet.

Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff veröffentlicht kurz nach dem ersten Anschlag seine Stellungnahme: "Unsere uneingeschränkte Aufmerksamkeit und unser ganzes Mitgefühl gilt den Bürgerinnen und Bürgern der Vereinigten Staaten von Amerika, insbesondere den Kolleginnen und Kollegen in unseren amerikanischen Firmen. Bertelsmann realisiert mehr als ein Drittel seiner Geschäftstätigkeit in den USA. Mehr als 18 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dort tätig, davon 5000 im Building Broadway 1540 am Times Square. Wir lehnen jede Form von Gewalt in der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung entschieden ab und verurteilen aufs Schärfste, was offensichtlich Terroristen heute in den USA dem friedlichen Zusammenleben der Menschen angetan haben." Am Mittwoch kündigte Middelhoff an, den Hilfsfonds von Feuerwehr und Polizei in New York jeweils eine Million Dollar zukommen zu lassen. Weitere Maßnahmen folgten.

Nachdem Berliner Zeitungen auch am Donnerstag ausverkauft sind, werden die Druckauflagen nochmals angehoben.

Die "Zeit" erscheint bereits am kommenden Montag wieder mit einer Sonderausgabe. Der Reinerlös kommt den Opfern des Anschlages zugute. Ein Spendenkonto wurde eingerichtet.

Der Axel Springer Verlag erweitert seine Unternehmensgrundsätze, die jeder Mitarbeiter in seinem Arbeitsvertrag unterschreibt. Bisher lauteten sie: Unbedingtes Eintreten für den freiheitlichen Rechtsstaat Deutschland als Mitglied der westlichen Staatengemeinschaft und die Förderung der Einigungsbemühungen der Völker Europas; Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes; Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus; Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft. Der fünfte publizistische Grundsatz lautet: Die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.

So unheil die Welt der Erwachsenen ist, so heil wie möglich soll die Welt der Kinder sein. Auch beim Kinderfernsehen. Super RTL und Kinderkanal strahlen ihre Regelprogramme aus, der Kinderkanal sendet zudem "logo", Nachrichten für Kinder ab neun. Es wird über die Terroranschläge in den USA berichtet, die Erwachsenenwelt bricht in die Kinderwelt ein, danach wieder Kinderprogramm. Die Kinder können nicht sofort umschalten. Sie wissen, etwas Schreckliches ist passiert, die Eltern sollen es erklären. Wirklich erklären sie es nicht, doch die verstörenden Erwachsenen-Programme sollen die Kinder nicht sehen. So schauen beide die Kinderprogramme.

Ein Leser beschwert sich über die Unzuverlässigkeit des Fernsehprogramms und fragt, woran das liegt. Er gibt zu bedenken, dass es genügend Menschen gibt, die auch jetzt unterhalten werden wollen.

Am Mittwochabend schauen 4,75 Millionen "Kommissar Rex". Sat 1 erzielt einen Marktanteil von 15,3 Prozent.

Man musste schon sehr genau hinhören, um den "Tagesthemen"-Kommentar am Mittwochabend nicht falsch zu verstehen. Thema: Die fällige Antwort der USA auf die Terroranschläge - und die der Deutschen, die NDR-Hörfunk-Direktorin Dagmar Reim zufolge dabei nicht abseits stehen werden. Die sich ihrer Ansicht nach nicht heraushalten können, und das auch nicht wollen: "Ganz gleich, wie unser Beitrag aussehen wird." Dann viel Raum für "den übermächtigen Wunsch nach Rache, nach Vergeltung", für "Zuschlagen", "Ausschalten" und die "vielen guten Gründe dafür". Die Empfehlung aus Hamburg für George W. Bush, "in dieser verzweifelten Situation einmal das Neue Testament beiseite" zu legen, und im Alten, im 3. Buch Mose, Vers 23, Rat finden zu dürfen: "... Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn". Und, ganz kurz: Ein Hinweis aufs Völkerrecht, das von Waffengewalt nur bei Aufdeckung konkreter Terrorpläne erlaubt; und Reims Befürchtung, dass bei Befolgen von Vers 23 Unschuldige ihr Leben verlieren.

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