Medien : Medienrepublik (130)

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Malte Lehming über Bilder aus dem Irak, die die Amerikaner nie sehen sollten

Was ist schlimmer, Böses zu tun oder Böses zu erleiden? Was erträgt man eher, jemanden zu verraten oder verraten zu werden? Weil es kaum einen Menschen gibt, der kein Gewissen hat, tendieren Täter dazu, ihren Opfern eine Mitschuld zu geben. Der wunderbare Johann Nestroy hat diesen Mechanismus einmal in die Worte eines Kindes verpackt: „Mama, ich komme die Constanze zu verklagen, sie hat mich durch ihr Benehmen gezwungen, sie eine dumme Gans zu heißen." Angefangen mit der Provokation hat stets der andere, und dann eskalierte die Sache.

Im Krieg wird viel gestorben und getötet, gelitten und Leid zugefügt. Krieg korrumpiert. Ein anderes Land zu besetzen, ist für die Besetzten ein Elend, für die Besatzer ein Fluch. Wer Menschen erniedrigt, verliert rasch die Selbstachtung. Wer die Selbstachtung verloren hat, wird skrupellos. Der USFernsehsender CBS hat Bilder von amerikanischen Soldaten gezeigt, die irakische Gefangene misshandeln. Aufgenommen worden waren die Fotos in der berüchtigten Haftanstalt Abu Ghraib. Dort hatte Saddam Hussein seine Widersacher hinrichten lassen.

Quälen macht Spaß: Diesen Eindruck vermitteln die aktuellen Bilder. Die Gefangenen müssen sich nackt ausziehen, Oralsex simulieren, ihnen werden Schmähungen auf den Körper geschrieben. Die US-Soldaten posieren mit ihnen, lachen, zeigen mit dem Finger auf sie und halten stolz den erhobenen Daumen in die Kamera. Es ist ekelhaft. Einige Beteiligte müssen sich demnächst vor Gericht verantworten. Ob ähnliche Dinge auch in anderen Gefängnissen geschehen? „Ich wünschte, ich säße hier und könnte sagen, dass dies ein Einzelfall ist“, sagt der stellvertretende Kommandeur der US-Truppen im Irak, Mark Kimmitt.

Vor einem Jahr stand George W. Bush an Bord eines Flugzeugträgers, hinter ihm war ein riesiges Plakat mit der Aufschrift „mission accomplished“ angebracht worden. Der Oberkommandierende verkündete das Ende der Kampfhandlungen. Das war voreilig. Allein im April kamen im Irak mehr Amerikaner ums Leben als während des gesamten Krieges.

Am Freitag lief im TV-Sender ABC eine Sonderausgabe des Magazins „Nightline“. Eine halbe Stunde lang las der Moderator die Namen der Gefallenen vor. Nicht alle Amerikaner vor den Fernsehgeräten konnten dies sehen und hören, weil einige lokale Fernsehanstalten dies als zu politisch empfanden und eine Übernahme der ABC-Sendung ablehnten. Die Porträts der Gefallenen veröffentlichen regelmäßig die überregionalen Zeitungen. Wenigstens einen Namen und ein Gesicht erhalten die Toten. Der monoton aneinander gereihte Identitätsminimalismus öffnet der Fantasie alle Türen. Diese Türen führen in Abgründe.

Neutral berichtet der arabische Satellitensender Al Dschasira sicher nicht aus dem Irak. Ausführlich beschäftigt man sich dort besonders mit den zivilen Opfern. Das ärgert die US-Regierung. Im US-Fernsehen sind solche Berichte rar. Außenminister Colin Powell beschwerte sich daher in der vergangenen Woche über Al Dschasira bei seinem Amtskollegen aus Katar. Das Emirat finanziert den Sender. Im Pentagon arbeitet man gar an einer computerisierten „Wahrheitsmatrix“, die alle Fehler und tendenziösen Berichte von Al Dschasira auflistet. Nützen wird das wenig. Auch dieser Krieg findet seine unerwünschten Bilder.

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