Medien : Medienrepublik (39)

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Ulrike Simon über

Kisch, Kitsch und Klatsch

Da soll noch mal einer sagen, in der Kisch- Jury würde gemauschelt. In einer der Vor-Jurys saß ein Tagesspiegel-Redakteur, in der Hauptjury der Tagesspiegel-Chefredakteur. Gleich drei Tagesspiegel-Redakteure waren nominiert – und was passiert? „Spiegel“, „Zeit“ und „Stern“ räumen die Preise ab. Wir ertrugen es ohne Murren, anders als die Kollegen von „Geo“, die sich wieder einmal missachtet fühlten. „Geo“-Reportagen seien immer so klassisch, so wenig überraschend, kein Wunder dass die nichts gewinnen, hieß es beim Plausch nach der Verleihung.

Natürlich gab es Klagen: Es seien die Falschen nominiert, es hätten die Falschen gewonnen. Zum Beispiel, weil eine Reportage nur dann eine Reportage sei, wenn sich der Schreiber wenigstens einmal vom Schreibtisch erhoben hat, um an den Ort des Geschehens zu gehen, über das er schreibt. Der nominierte Cay Rademacher sei für seine glänzend recherchierte „Geo“- Reportage über den 11. September doch kein einziges Mal in New York gewesen. Rumgemäkelt wurde auch am 1. Preis für Dirk Kurbjuweit und Dietmar Hawranek: Eine Reportage sei doch nur dann eine Kisch-Reportage, wenn die Haltung des Autors erkennbar sei. Wie soll das gehen,wenn gleich zwei Autorenn drunter stehen und gar nicht erkennbar sei, welcher Teil von wem stammt?

Vielleicht sind die Kritiker einfach von gestern und haben den neuen Trend in der Reportage nicht erkannt? Das ist die Theorie von Stefan Aust, der nicht als Freund Seiten füllender vergeistigter Schönschreiber, aber dafür als erfolgreicher „Spiegel“-Chefredakteur gilt. Natürlich freute er sich, dass zwei seiner Redakteure den ersten Kisch-Preis bekamen. Die beiden hätten ihn auch verdient, weil sich da zwei zusammentaten, in der jeder das machte, was er am besten kann, sagte Aust. Der eine kannte sich im Thema aus, der andere verwob die Informationen zu einer lesenswerten Geschichte. Der Leser könne etwas lernen, und vergnüglich zu lesen sei das auch noch. Davon habe man doch mehr als von all diesen literarisch angehauchten Reportagen, die schuld sind, wenn der Kisch-Preis Kitsch-Preis genannt werde.

Das sei keine neue Form von Journalismus, sondern ein aus der Not geborener Trend, sagte „Stern“-Chef Thomas Osterkorn. Einer allein könne das heutzutage unter so viel Zeitdruck doch gar nicht mehr schaffen. Ein anderer sagte dazu, dann könne man das mit dem Kisch-Preis ja gleich bleiben lassen und einen Montagepreis vergeben. Es war wie immer: Journalisten können einfach an nichts ein gutes Haar lassen.

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