Medien : Medienrepublik (62)

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Matthias Kalle sucht in den Jahresrückblicken nach Orientierung

Wenn es den Menschen nach Orientierung dürstet, wohin wandert dann sein Blick? Nach links oder gar nach rechts? Schon lange nicht mehr, das Linke wie das Rechte taugen den meisten nicht mehr, um sich in der Welt zurechtzufinden, zu kompliziert sei alles, um es dem Duktus einer politischen Ausrichtung zu unterwerfen. „Vorwärts!“, schreien leider auch die wenigsten, obwohl doch in diese Richtung die Reise gehen sollte. Aber, ach, die Zukunft, sie ist so ungewiss, was soll man erwarten vom Morgen, was überhaupt ist planbar? Was bleibt, ist also der Blick zurück: die Bewertung, die Einordnung vom Geschehenen, damit wir aus unseren Fehlern wie auch aus unseren Erfolgen lernen, damit wir verstehen und begreifen.

Und weil das so ist, erscheinen jedes Jahr im Dezember so genannte Jahresrückblicke – als Zeitschriften, aber auch im Fernsehen. Am vergangenen Sonntag lief im ZDF das bekannteste Format, „Menschen“, moderiert von Johannes B. Kerner. Über Kerner war dann auch in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ein Text, der sich vor allem mit der fragwürdigen Fragetechnik des Moderators beschäftigte – in der Unterzeile hieß es: „Ein Blick zurück im Zorn“. Kerner selbst blickte nicht im Zorn zurück. Angenommen, jemand hätte das gesamte Jahr 2002 schlafend verbracht und sich dann Kerners Sendung angeschaut – der wird sich geärgert haben, die vergangenen zwölf Monate verpasst zu haben, so toll waren die ja: Einen Rentner gibt es, der macht doch tatsächlich auch im Alter von 102 regelmäßig sein Sportabzeichen! Kerner war kurz davor, sich von dem Mann adoptieren zu lassen. Im Rausch der Rückschau führte der Moderator den Zuschauer an jedem Abend der vergangenen Woche durch ein Jahrzehnt. Manchmal wirkte Kerner überrascht, denn sein Team fand für ihn heraus: Es gab nicht nur schöne Dinge in den vergangenen 50 Jahren.

Und was gab es in diesem Jahr an schönen Dingen? Die „SpiegelJahres-Chronik“ kann über Erfreuliches im Sportbereich berichten, denn Deutsche stellten sich gut an im Fußball, beim Skifliegen, beim Segeln und bei den Olympischen Spielen. Aber sonst? Erfurt, die Flut, Rudolf Augstein, Bali, die Sniper, die „Prestige“ – es war kein gutes Jahr.

Oder doch? Zum Glück gibt es ja immer noch, wenn auch nicht mehr so oft, die Zeitschrift „Max“. Die blickt auch zurück, und siehe da! Fliegen ist billig geworden! Halle Berry spielt im Bond mit! Sportler sind die neuen Sexsymbole! Grönemeyer ist ein Mensch! Na also. Geht doch.

Und was wird nun kommen, im nächsten Jahr? Wo sind die Prognosen, die Prophezeiungen, die Wünsche, Träume, Hoffnungen? Aber das hat dann wohl nichts mit Journalismus zu tun.

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