Medien : Medienrepublik (7)

Normalerweise werden am 9. November in den Zeitungen etliche Gedenkartikel zum Pogrom von 1938 gedruckt, der so genannten Kristallnacht. Fast niemand liest diese Texte, aber man fühlt sich gut bei ihrem Anblick. In diesem Jahr fiel das Gedenken weitgehend aus. In Kriegszeiten muss eben auch an der Moral gespart werden.

In Deutschland ist nicht nur im Fußball jahrzehntelang die Nachwuchsarbeit vernachlässigt worden, auch bei den moralischen Instanzen. Als der Bundeskanzler neulich zwei Dutzend führende Intellektuelle zum Abendessen gebeten hat, saßen im Wesentlichen die gleichen Personen am Tisch, die auch Willy Brandt bei ähnlichem Anlass eingeladen hätte. Die Herren Grass, Walser, Jens, Lenz, aus dem Osten Christa Wolf und Stephan Heym. Man kann leicht ausrechnen, dass die meisten dieser ehrenwerten Persönlichkeiten zu Brandts Zeiten erst in ihren 30ern oder 40ern waren. Trotzdem galt die Meinung solcher kraftstrotzenden jungen Menschen damals bei der Regierung und den Medien als hochinteressant. Was ist los mit den heutigen Intellektuellen der mittleren Generation? Warum lädt Schröder die nicht ein?

Mittelalte Leute, die einen gewissen geistigen Einfluss besitzen, heißen heute Harald Schmidt, Rainald Goetz oder Max Goldt. Sie sind weder dümmer noch moralisch verkommener als Grass oder Jens, aber sie taugen nicht zum Staatsberater. Das hängt mit der Selbstironie zusammen. Ein Staatsmann wie Schröder kann keine selbstironischen Berater wollen, neben denen sieht seine Staatsmannpose womöglich lächerlich aus. Die dazu passende Pose, die des selbstgewissen Genies, kriegen offenbar nur noch Menschen über 50 überzeugend hin. Man muss wahrscheinlich Stoffwindeln getragen haben, um später einmal eine überzeugende moralische Instanz zu werden.

Die Kraft des Geistes

Im "Stern" hat Harald Schmidt erklärt, dass er sich für eine Intellektuellenlaufbahn entschieden hat, weil er sich in der Schule von den Mädchen immer zurückgesetzt fühlte: Er habe Scheiße ausgesehen und einfach nichts draufgehabt, was den Mädels imponiert hätte. Heute kann er sich mit Bierbauch in der Badehose fotografieren lassen, trotzdem kriegt er massenhaft Liebesbriefe von, wie Schmidt sagt, "so halbintellektuellen Frauen, die einen leichten Hau haben". Solche Wunder schafft die Kraft des Geistes, und trotzdem machen immer noch zu wenige Deutsche Abitur.

Der "Stern" hat wieder Pech gehabt, mit dem 70er-Jahre-gestylten Titelbild "Stoppt diesen Krieg!". Mit Bekenntnissen gegen den Afghanistaneinsatz bewarben sich, neben den Altstars Walser, Jens und Kempowski, auch einige Newcomer um den Rang einer moralischen Instanz. Zum Beispiel Nena, Konstantin Wecker oder Nina Hagen, Christoph Daum hatten sie vergessen. Über einen Staat, der auf den Rat von Nina Hagen hört, müsste mal jemand eine Filmkomödie machen, vielleicht Schlingensief. Kaum aber war der "Stern"-Titel raus, brachen wie durch Zauberei die Talibanfronten zusammen und der Krieg stoppte sich weitgehend selber. Wenn "Stern"-Titel diese zerstörerische Wirkung haben - warum nicht mal ein Titel "Stoppt unsere Konkurrenzillustrierte Max"?

Auch der so genannte Trendforscher Matthias Horx hat auf den Krieg reagiert, mit einem so genannten Buch (70 Seiten). Darin erfahren wir, was nach dem 11. September im Trend liegt - Feuerlöscher im Flugzeug zum Beispiel, Lego-Feuerwehrmännchen, die Neue Ehrlichkeit sowie Zweithäuser in der Holsteinischen Schweiz. In seinem "Zukunftsletter" vom April hatte Horx noch angekündigt, dass Weisheit die neue hippe Trendtugend sein würde - wer weise ist, kriegt Liebesbriefe en masse! Aber nein, es ist doch die Ehrlichkeit, und all die Jungs, die seit April an ihrer Weisheit gearbeitet haben, sind angeschmiert. Überraschenderweise prophezeit Horx, dass auch das Vollfetteis von Häagen-Dazs zu den Kriegsgewinnlern gehört. Wofür Diät, wenn du eh an die Front musst? Wer ganz viel Häagen-Dazs isst, passt womöglich nicht mehr in den "Fuchs"-Panzer hinein und darf zu Hause bleiben. Fassen wir zusammen: Weniger Progromgedenkartikel. Mehr Vollfetteis. Und noch mehr Ehrlichkeit! Wenn man nicht schon längst Deutscher wäre, man würde spätestens jetzt einwandern.

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