Medien : Medienrepublik (90)

-

StephanAndreas Casdorff wundert sich über Hausmacher-Aufmacher

Nichts ist manchen in Italien in dieser Woche offensichtlich schwerer gefallen als die Einsicht, dass sich ein Mitglied der Regierung in Rom daneben benommen hat. Wir haben dafür Verständnis. Schließlich glaubte auch die Tagesspiegel-Redakteurin Andrea Dernbach zunächst an einen bösen Scherz von Internet-Hackern, als sie die, sagen wir: Auslassungen des für Tourismus zuständigen Staatssekretärs Stefano Stefani las. Da schwadronierte einer über rülpsende Teutonen, die Italiens Strände überfallen, einen deutschen EU-Abgeordneten mit den „Augen einer Ratte“ und ein Land, „besoffen vor Selbstgewissheit“, das man einem Intelligenztest unterziehen muss. So einer sollte wirklich Staatssekretär im Lande von Armani und „bella figura“ sein? Die Redakteurin besorgte sich das Original des Artikels. Schwarz auf weiß war kein Zweifel mehr möglich: Er war.

Sicher, man kann das Ganze auch von höherer Warte aus sehen als wir bei der Zeitung. Stefanis Parteichef Umberto Bossi von der rechtspopulistischen Lega Nord hat sich auf einen Aussichtspunkt begeben, und von dort ist der Blick auf die wahren Hintermänner der deutsch-italienischen Verstimmungen frei: Alles Verschwörer, und zwar solche, die auf dem Umweg über Stefani in Wirklichkeit den Premier angreifen wollen. Warum? Weil Berlusconi, so hat es Bossi in seinem Haussender Telepadania erklärt, an der Seite Amerikas steht, was der Achse Paris-Berlin eben nicht passt.

Soweit zum transatlantischen Teil der „dietrologia“, wie solche Hintergründeleien in Italien genannt werden. Es ist noch eine andere Variante auf dem Markt, sozusagen die Hausmacherversion. Die Turiner Zeitung „La Stampa“, eigentlich eines der großen Blätter des Landes, glaubt zu wissen, dass da ein Süppchen im „linken Traditionsquartier“ Kreuzberg ausgekocht wurde, genau genommen vom Lebensgefährten unserer Kollegin. Der trägt dabei einen Parka, wegen der Gesinnung. Richtig ist: Er ist Italiener, Römer – nur nie im Parka zu sehen. Was allerdings damit zusammenhängt, dass er ihn, wie „La Stampa“erklärt, unsichtbar im Inneren trägt. Besonders tückisch. Also der nun hat sich als Feind der Regierung Berlusconi entschlossen, die „Attacke gegen das Herz des Regimes“ zu führen. Seine Frau wiederum – so sind sie, die Frauen – glaube blind an ihn und habe für ihren „Sturmpionier“ Platz im Tagesspiegel geschaffen. Alles klar?

Wir korrigieren uns: Nichts fällt manchen offensichtlich schwerer, als sich vorzustellen, dass Journalistinnen einfach ihre Arbeit machen, beobachten, recherchieren, schreiben. Und nicht diffamieren. Forza Stampa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben