Medien : Medienrepublik (92)

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Harald Martenstein fordert eine Retroshow mit Osama bin Laden

Über den Medientheoriker Boris Groys, Russland, zurzeit hinter Peter Sloterdijk, Deutschland, auf Platz zwei der internationalen MedientheoretikerHitparade, steht ein Aufsatz im neuen „Merkur“. Drei der berühmtesten Thesen von Boris Groys lauten: Hitler ist heute eine Ikone der Massenkultur. Osama bin Laden ist in erster Linie Videokünstler. Terrorist ist ein moderner Beruf wie Webdesigner.

Solche Aussagen kalkulieren (wie man das heute tut) die empörte Reaktion schon ein, sie sind weniger Thesen als Thesen-Inszenierungen und sollen moralistische Biedermenschen schockieren, ähnlich wie einst die Punkmusik oder die Benettonreklame. Denn wenn alles Pop ist, dann natürlich auch die Medientheorie.

Alles ist Pop, sogar die Kritik am Pop, auch die RAF, und im Zusammenhang mit der geplanten RAF-Ausstellung sollte man deshalb nicht die T-Shirt-Hersteller kritisieren, die T-Shirts mit dem RAF-Stern herstellen, sondern besser gleich den Kapitalismus. Nicht böse Menschen stecken dahinter, nein, es ist unser liebes System. Deutschland wimmelt von Systemkritikern, nur: Sie merken es nicht.

Für eine Fernsehserie über „Baaders Frauen“ oder für das RTL-2-Movie „Mach mir die Knarre scharf. Die heißen Nächte der Terroristenbräute“ ist die Zeit trotzdem nicht reif, „Bild“ ist noch dagegen. Also wird man sich noch ein paar Jahre mit „Hitlers Frauen“ von Guido Knopp begnügen müssen, da waren ja auch scharfe Bräute darunter.

Im Fernsehen laufen zurzeit die „80er Jahre Show“ mit Oliver Geissen, „Weißt du noch“ mit Karl Dall, die „70er Jahre Show“ mit Hape Kerkeling, dazu auf RTL 2 eine 90er-Jahre-Show mit dem Rapper Lotto King Karl, auf MTV eine 80er-Jahre-Show mit Markus Kavka und im ZDF der „Sound der 80er“ mit Andrea Kiewel. Der Pop von gestern wird recycelt. Musik, Mode, Lebensgefühl. Früher haben die Großeltern immer davon erzählt, wie es früher war. Heute tun es die 25-Jährigen, beziehungsweise, es wird ihnen aufgedrängt. Es wirkt aber völlig kraftlos und zerstört die Erinnerung, statt ihr auf die Sprünge zu helfen.

Boris Groys schreibt in seinem Buch „Über das Neue“ darüber, wie unsere Kultur die Wiederholung bestraft und das Neue belohnt. Weil „neu“ der wichtigste Wert ist, landet man auf der Suche nach dem neuen Reiz, dann, wenn alles Naheliegende verbraucht ist, irgendwann automatisch beim Verfemten, also bei Osama oder der RAF oder Hitler. Das ist so wie mit den Reisezielen, erst Spanien, dann Bali, am Ende halt Birma. Wenn man also den „Mythos“ von Osama, der RAF oder von Hitler wirklich zerstören will, dann kann man nur eines machen – man muss ihnen eine, selbstverständlich wohlwollende, Retroshow widmen, am besten mit Lotto King Karl auf RTL 2. Kein Mythos überlebt das. Die Moralisten würden das aber nie zulassen. Deswegen, sagt Groys, sind heutzutage die Zyniker die letzten Moralisten. Ein interessanter Medientheoretiker.

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