Medien : „Mein Job ist es, mit dem großen Schraubenzieher zu justieren“

Hans-Peter Buschheuer will aus dem „Berliner Kurier“ eine bodenständige Metropolenzeitung machen, in der nicht mehr nur gejammert wird

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Willkommen zurück in Berlin. Wie war der Ausflug nach Köln, wo Sie nach Ihrer Zeit bei der „B.Z.“ zuletzt Chef des „Express“ waren?

Der Kölner Zeitungsmarkt wird von einem einzigen Verleger beherrscht. Die Strukturen sind starr, die Möglichkeiten, etwas zu verändern, nicht groß. Ich bin gern wieder nach Berlin zurückgegangen, auch meine Frau wollte zurück.

Ihr Vertrag wäre noch zwei Jahre weitergelaufen. Man hört, Sie seien Ihrem Rauswurf zuvorgekommen. Es gab Probleme mit dem Verleger.

Die Position beim „Kurier“ ist jetzt zu besetzen gewesen und nicht erst in zwei Jahren. Im Übrigen: Keiner meiner Vorgänger in den letzten zwölf Jahren hatte keine Probleme mit dem Verleger.

Alfred Neven DuMont hatte sich im „Express“ öffentlich für einen Artikel entschuldigt und Sie damit bloßgestellt. Es ging um die so genannten „KlauKids“. Sie hatten 50 Jugendliche, die meisten Roma, im Stil eines Fahndungsaufrufs abgebildet.

Es handelte sich um Intensiv-Straftäter, die von der Polizei per Fahndungsaufruf gesucht wurden. Wir haben dieses Polizeidokument veröffentlicht. Auf die ethnische Herkunft der Täter gingen wir in keinem Wort ein. Deshalb, nur weil ich die Missstände benenne, lass’ ich mich nicht in die braune Ecke stellen. Ausgerechnet ich! Meine Frau ist Perserin, wir mussten jahrelang gegen rassistische Behörden kämpfen, damit sie die deutsche Staatsbürgerschaft bekommt. Unsere Berichterstattung war durchaus hart, aber hundertprozentig durch Tatsachen belegt.

Würden Sie es noch einmal genau so machen?

Ja. Die „Klau-Kids“-Geschichte wurde von der gesamten Redaktion mitgetragen und von allen großen Parteien begrüßt. Der Verleger ist ein sehr eigenwilliger Mensch. Er hat damals von mir eine öffentliche Entschuldigung verlangt, weil ich gesagt hatte, er hätte die Redaktion und mich öffentlich bloßgestellt. Diese Entschuldigung habe ich ihm verweigert.

Dafür haben Sie eine Abmahnung kassiert.

Was bedeutungslos ist. Ich habe mich trotzdem nicht entschuldigt. Nach dieser Geschichte habe ich übrigens noch das Redesign des „Express“ gemacht. Neven DuMont ließ mich machen, trotz dieses Zerwürfnisses. Er wollte mich sicherlich behalten. Wahrscheinlich weil ich einer der wenigen war, die ihm Widerworte gegeben haben.

Aus der „Kurier“-Redaktion ist zu hören, Sie legten viel Wert auf selbstständiges Arbeiten der Redakteure. Kommt das daher, dass Sie wissen, wie es ist, als Journalist an der kurzen Leine gehalten zu werden?

Unter erwachsenen Menschen in einer Redaktion muss klar sein, dass man dem Leser und nicht irgendwelchen anderen Interessen dient. Was ich ablehne, sind alte Boulevard- Methoden der Menschenführung, wenn man da überhaupt von Menschenführung sprechen kann. Da heißt es dann, „Qualität kommt von Quälen“.

Sie haben bei der „Super!“-Zeitung, die als ostdeutsches Boulevardblatt gedacht war, gearbeitet. Kennen Sie das Lebensgefühl im Osten?

Ich war häufig in den neuen Ländern, was mit meiner Wanderlust zusammenhängt. Ich bin gern im Harz, in Thüringen, in der Sächsischen Schweiz. Im übrigen stammt meine Frau aus Leipzig und steht mir mit Ratschlägen zur Seite.

Welche Chancen rechnen Sie sich für den „Kurier“ in der Konkurrenz mit „B.Z.“ und „Bild Berlin-Brandenburg“ aus?

Wir sehen uns als regionale Boulevardzeitung, als Berlin-Brandenburger Zeitung. Wir wollen und können keinen journalistischen Wettbewerb mit „Bild“ anfangen. Die sind 800, wir 70 Redakteure, wie soll das gehen?

Anders ist das bei der „B.Z.“, deren Schwäche Sie ausnutzen könnten.

Natürlich wollen wir alle Berliner ansprechen. Alle, die dem Genre Boulevard nicht abgeneigt sind. Aber es ist schwer, Leute zum Wechsel der Zeitung zu bringen. Die „Mission Impossible“, die Georg Gafron mit der „B.Z.“ durchgezogen hat, ist abschreckend und widerlich. Aber sie ist immer noch die Auflagenstärkere.

Sie hat massiv Auflage verloren.

Macht man eine Zeitung schlecht, ist es einfach, Käufer zu verlieren. Das haben beide, „B.Z.“ und „Kurier“, erlebt. Käufer zurückzugewinnen oder zum Wechseln zu bringen, ist unglaublich schwer. Klar ist: Unsere Kernkompetenz liegt im Osten, wo wir die größte Auflage und die größten Verluste haben. Dort gilt es, die alten Stärken wieder herzustellen.

Das Ost-Image soll also bleiben?

Ja, aber nicht im negativen Sinn. Die Leute stellen ihre Bezüge über ihren Kiez dar, über ihre Lebensumstände, die natürlich sehr viel mit den Folgen, auch den negativen wirtschaftlichen Folgen der Wende zu tun haben. Bodenhaftung herzustellen, das muss unsere Marschrichtung sein. Es war falsch, als Zeitung die beharrenden Kräfte zu bedienen und nur zu jammern. Denken Sie an die Erfolge von „Good-bye, Lenin“ und „Super-Illu“. Die Leute begreifen die DDR als Heimat.

Als Sie sich das Blatt die ersten Male ernsthaft angeschaut haben, was hat Sie am „Kurier“ am meisten gestört?

Ich hab’ ein Vierteljahr vor meinem Antritt den „Kurier“ sehr intensiv gelesen. Die Seite 1 ist jetzt schon anders. Früher waren immer nur drei Themen auf der Eins, damit hat sich das Blatt schlecht verkauft. Jetzt machen wir das, was eine Seite Eins sein soll: das Schaufenster der Zeitung. Wir haben täglich mindestens sechs Themen auf der Titelseite: eine klare Schlagzeile, wann immer es geht kombiniert mit einer Optik, wann immer es geht personalisiert, und dann links eine Leiste mit den großen Themen und den Verweisen ins Blatt rein.

Welche Baustellen sahen Sie im Blattinneren?

Die Überschriftenpolitik war falsch. Die Headlines erklärten die Inhalte ungenügend, teilweise waren sie unverständlich und schmissen den Leser schon raus, bevor er überhaupt zu lesen angefangen hat. Es wurden keine optischen Schwerpunkte auf den Seiten gesetzt, der Leser wurde nicht ins Blatt, ins Thema reingezogen. Mittlerweile hat der „Kurier“ wieder einen entschiedeneren Auftritt. Gerade die Lokalredaktion liefert jeden Tag gute Themen, sie müssen aber auch gut verkauft werden. Meinen Job sehe ich darin, mit dem großen Schraubenzieher zu justieren. Aber ich stehe erst am Anfang.

Mit dem neuen Lokalchef Jürgen Mladek, früher wie Sie bei der „B.Z.“, und Martin Geiger, dem ersten Art Direktor, den der „Kurier“ je hatte, sind Sie am 1. Juli angetreten. Werden Sie die Redaktion weiter umbauen?

Ich habe zu Mitte September den vakanten Posten des stellvertretenden Chefredakteurs mit Michael Heun besetzt. Er war zuletzt bei Bauer und davor Lokalchef der „Berliner Morgenpost“. Damit sind wir komplett. Gerade Mladek und Geiger haben hier schon viel bewegt, sie motivieren und haben verborgene Talente entdeckt von Leuten, die schon lange hier sind und nicht genügend gefördert worden sind.

Sie haben außerdem Mario Garcia, einen der bekanntesten und wahrscheinlich auch teuersten Zeitungsdesigner engagiert.

Teuer ist relativ. Garcia ist eben der Beste. Seine Aufgabe wird sein, mit uns aus dem „Kurier“ ab Herbst eine moderne Metropolenzeitung zu machen. Eine, die sich typografisch von der Konkurrenz absetzt. Den Vorzug, dass wir unter den Lesern mehr Jüngere und mehr Frauen haben, hat man dem Blatt optisch nie angemerkt.

Wollen Sie auch die Blattstruktur ändern? Die Politik wieder nach vorn holen?

Es gibt eine europäische Lesekultur, und die sieht so aus, dass am Anfang der Zeitung die Politik steht. Und so werden wir es auch beim „Kurier“ wieder machen.

Holtzbrinck, der Verlag des Tagesspiegel, will mit dem Berliner Verlag auch den „Berliner Kurier“ kaufen. Das Verfahren ist noch in der Schwebe. Wie lebt es sich beim „Kurier“ damit?

Wir sind in den schwarzen Zahlen, und, was mich besonders freut: Der Auflagenrückgang ist gebremst. So lange sich die Situation nicht verändert und sich die gesamtwirtschaftliche Situation nicht verschlimmert, schöpfen wir ein gewisses Selbstbewusstsein aus der momentanen finanziellen Unabhängigkeit.

Das Gespräch führte Ulrike Simon.

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