Medien : „Mein Vater, der Feind“: die Kinder der Kollaboration

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Der weißhaarige Franzose Michel Granvale hält ein altes Foto hoch. „Hier habe ich wahrscheinlich die Füße meines Vaters im Schnee.“ Viel mehr ist von dem Mann auf dem Bild auch nicht zu sehen, denn oberhalb der Knie wurde ein großes, kreisrundes Loch herausgeschnitten. Michels Vater, ein deutscher Soldat, war in der Familie lange Zeit ein Tabu. Seine Mutter hatte nach dem Krieg einen Franzosen geheiratet, und erst als Michel erwachsen war, wurde ihm verraten, dass dieser Mann nur sein Stiefvater ist. Seinen wirklichen Vater trieb er nach jahrelanger Suche in München auf. Immerhin waren Michel Granvale traumatische Erlebnisse in der Kindheit erspart geblieben.

„Es war furchtbar“, erinnert sich Catherine Coushenet, die während des Zweiten Weltkriegs die Liebe ihres Lebens kennengelernt hatte: einen deutschen Soldaten, der später in Berlin als vermisst gemeldet wurde. „Ich war die Schande der Familie, und so ist es bis heute.“ Das Ergebnis ihrer Beziehung während der deutschen Besatzungszeit war Bernard. Seine Mutter floh mit ihm schließlich aus ihrer Heimatstadt Metz in die Provence. Mehr als 10 000 Französinnen, die sich mit deutschen Soldaten einließen, seien nach der Befreiung öffentlich geschoren und erniedrigt worden, heißt es in der Arte-Dokumentation „Mein Vater, der Feind“.

Bis heute sind manche Wunden nicht verheilt, wie die drei von Ulrike Stumpp und Bruno Schneider erzählten Familiengeschichten beweisen. Es sind einige eindrucksvolle Beobachtungen und auch Anflüge von Humor dabei, allerdings ist der Film unnötig verwirrend geraten, weil er zu oft zwischen den einzelnen Biografien hin und her springt. Auch kommt die deutsche Perspektive etwas zu kurz, denn in allen ausgewählten Fällen sind die Väter bereits tot.

Einige Familienmitglieder mochten nicht vor die Kamera treten, auch nicht die Mutter von Liliane Barbereau. Ihre gemeinsam mit einem deutschen Marinesoldaten gezeugte Tochter ließ sie von den Großeltern großziehen. Liliane sagt verzweifelt: „Wir sind wie Monster. Wir können unsere Kinder nicht lieben, weil wir nie geliebt worden sind.“tgr

„Mein Vater, der Feind“, 22 Uhr 45, Arte

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