Medien : Meine Präzisionswaffe: Misstrauen

Nadja Klinger

DER KRIEG IM FERNSEHEN

Bevor ich in den Krieg eingezogen wurde, habe ich nie fern gesehen. Das klingt unglaubwürdig? Möglicherweise verfolge ich eine Strategie, um diese Kolumne zustande zu bringen? „Vielleicht interessiert Sie das ja auch“, sagte der zuständige Redakteur dieser Zeitung, als er mich bat, Kriegsberichte zu sehen. Es war eine Frage ohne Fragezeichen. Die Welt ist längst in Unordnung.

Otto Schily auf dem Bildschirm sagte: „Wir müssen jetzt wachsam sein, sehr wachsam und gleichzeitig…“ Zuschauer riefen an. Werden deutsche Firmen etwas vom Wiederaufbau im Irak haben? Die Frage passte nicht zum Zeitpunkt. Was hatte der Innenminister noch gesagt? Wir sollten es mit der Wachsamkeit nicht übertreiben.

Ich gehöre zu denen, die bis zuletzt geglaubt haben, der Krieg würde nicht stattfinden. Warum sollte ich am Morgen aufstehen, würde ich meinen, dass sich der Verlauf der Ereignisse bereits am Vorabend an fünf Fingern hat abzählen lassen? Im Kriegs-Fernsehen gibt es viele Experten auf diesem Gebiet: Experten für Regionen, fürs Kämpfen, für Politik, die Börse. „Dieser Krieg basiert auf Schock plus Überraschung plus Flexibilität plus Präzisionswaffen“, hat einer gesagt. Experten haben feste Standpunkte. Wir betreten ihren Fachbereich, lassen uns aufklären, dann sind wir wieder weg. Am Fernseher versuche ich das, was ich nun weiß, im Irak zu sehen. Oder ich verlasse mich darauf, dass es keine Wahrheit gibt. Das machen zurzeit scheinbar alle.

Ich bin nur Expertin meiner selbst. Am Morgen nach Kriegsbeginn sitze ich in einem Café, dort laufen drei Fernseher gleichzeitig, tonlos. Auf CNN reden Aznar und Bush. Ich kenne das, was sie gesagt haben. In der Landkarte auf n-tv ist zwischen Kuwait und Irak eine rote Linie. Kann ich mir vorstellen, wie diese Grenze in der Wirklichkeit aussieht? Die BBC-Reporterin steht in der Downing Street, Tür Nummer zehn ist geschlossen. Mir scheint, als wäre da ein offener Spalt, aber das bestätigt sich nicht, bis der Cappuccino alle ist. Am zweiten Kriegstag stehe ich in einem Geschäft. Über die Bildschirme übereinander gestapelter Fernseher läuft jemand mit weißer Flagge. Er kommt von rechts, auf jedem Bildschirm ein Mann. Ich frage mich, welcher als erster links ankommen wird.

Ich weiß nicht, warum die amerikanische Patriot-Rakete nicht gemerkt hat, dass sie ein Flugzeug des Bündnispartners im Visier hat. Keine Ahnung, was es bedeutet, dass Saddams Sohn jetzt auf den Fernseh-Einblendungen fehlt. Vielleicht haben es sich die Amerikaner leichter vorgestellt, durch den Süd-Irak zu kommen. Ob mich das alles interessiert? Ich war überrascht, ja schockiert, als der Krieg begann. Um mich zurechtzufinden, kann ich keine Fragen gebrauchen, die das Fernsehen stellt. Ich bin mitunter sehr flexibel. Ich überlege, welche Präzisionswaffen ich besitze. Misstrauen, aber nicht mir selbst gegenüber. Sobald dieser Text erledigt ist, werde ich desertieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben