Medien : Mensch, Maischberger!

Als „Psychotante“ eignet sich die neue ARD-Moderatorin nicht. Und mit Beckmann und Fliege gibt es schon genug Soft-Talks

Von Barbara Sichtermann

Die Frau mit den schönsten Augen des deutschen Fernsehens hat eine besondere Gabe. Sie redet zur Sache, und das zielbewusst und kenntnisreich, und bindet dabei, geschickt und sachdienlich, die Person, die eigene und die des Gastes, ein. In ihren vielen Interviews bei n-tv hat Sandra Maischberger bewiesen, dass sie noch die brummeligsten Knasterbärte „aus Politik und Wirtschaft“ und, wenn es sein muss, auch aus Verbänden und Militär, aufzuschließen vermag, dass sie die Leute dazu bringt, Fassaden beiseite zu räumen und Einblicke in das Innenleben ihrer Ressorts zu gewähren. Die Frage, ob es ihre Augen sind, denen die Gäste nicht widerstehen können oder die intelligenten Vorgaben der Talkerin, lassen wir offen. Fazit bleibt, dass Maischberger eine politische Journalistin ist, die zwar auch persönliche Themen anklingen lässt, dabei mit ihren berühmten Augen aber immer ein wenig zwinkert. Denn alle wissen: Es geht eigentlich um die Sache.

Jetzt macht Maischberger in der ARD eine neue Sendung mit vier (oder mehr) Gästen, die sie nacheinander befragt – das Konzept sieht neben einschlägiger Prominenz auch interessante Normalos vor. Aber was hat man ihr bei der Premiere mit diesen Gästen und vor allem mit dem Switch zum Soft-Talk angetan! Man hat ihr „die Sache“ geraubt. Und was da an Personen aufmarschierte, war zum Davonlaufen.Vater Peter Graf, wegen Steuervergehens zwei Jahre im Knast, ist wieder draußen und muss noch mal erzählen, wie das war, als er „vom Fleck weg“ verhaftet wurde und dass er jetzt nicht mehr säuft. Roger Kusch darf zu Protokoll geben, dass er „schwul“ sagt statt „homosexuell“ und soll dann noch mal seinen ganzen, durch die leidige Hamburger Affäre verpatzten Geburtstag durchhecheln, inklusive Telefonat mit Muttern. Keine Frage zu seiner Politik und warum er im Senat „die lächelnde Guillotine“ heißt … Zu der Serbin Vesna Milenkovic, deren Tochter während des Balkankriegs durch eine Nato-Bombe umkam, sagt sie: „Sie starb in Ihren Armen?“ Letzter Gast war Florida- Rolf, der auf die Frage: „Haben Sie das Gefühl, Sie sind ein Sozialschmarotzer?“ bräsig erklärte, er schaue von seinem Apartment aus nicht etwa aufs Meer, sondern auf ein Hochhaus. Selbst Maischberger schüttelte über diesen Gast, der mittels einer „Schalte“ von Miami aus dabei sein konnte, den Kopf.

Nein, diese Negativauswahl armer Sünderlein, Kurzzeitprominenter und Problemkandidaten, die alle mal in den Arm genommen oder auf die Schulter gekloppt werden müssten, war für Maischberger und das, was sie zu leisten vermag, desaströs. Die Frau ist doch keine „Psychotante“. Soft-Talks haben wir genug, das machen Beckmann und Fliege besser. Maischberger ist die Frau für die Zusammenhänge hinter den Personen; der Intim- Ton liegt ihr nicht, er wirkt bei ihr fast aufgesetzt.

Die Kamera bescherte uns jene Großaufnahmen von Gästen und Gastgeberin, die wir von n-tv schon kennen. Und das war insofern eine gute Lösung, als die Alternative, die Einstellung auf das Studio (im Tränenpalast an der Friedrichstraße) mit einem extrem hässlichen und riesigen Resopal-Tisch in Lungenflügelform, ziemlich abstoßend war. Es gibt viel zu verbessern an dieser Sendung. Aber es wird schon werden. Maischbergers Augen sind ja nicht nur schön, sie können gut und sicher auch selbstkritisch gucken.

2,35 Millionen schauten am Dienstagabend „Menschen bei Maischberger“. Das entspricht einem Marktanteil von 20,4 Prozent. Damit lag die Sendung zur Premiere deutlich über dem Durchschnitt, den Alfred Biolek mit „Boulevard Bio“ zuletzt auf diesem Sendeplatz um 23 Uhr erzielte.

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