Medien : Meucheln in Münster

Der New Yorker Regisseur Buddy Giovinazzo inszeniert seinen ersten „Tatort“

Matthias Lohre

Jeder Krimi braucht eine Leiche. Die erste im heute ausgestrahlten WDR- „Tatort: 3 x Schwarzer Kater“ ist eine junge Frau, die seit einem Verkehrsunfall querschnittsgelähmt war. Gestorben ist sie an einem Medikamentencocktail. Doch niemand weiß, ob die Heimbewohnerin sterben wollte: War es Sterbehilfe, Suizid oder Mord? Bei seinen Ermittlungen fällt Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) sofort der ehemalige Staranwalt Andreas Weis (Stephan Bissmeier) auf. Durch seine Unachtsamkeit am Steuer wurde die junge Frau vor sieben Jahren an den Rollstuhl gefesselt. Doch bevor sich die Schlinge um den Verdächtigen zuziehen kann, wird er tot in seinem brennenden Haus aufgefunden. Diesmal haben Kommissar Thiel und der Rechtsmediziner Karl- Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) keine Zweifel. Es war Mord. Dass sich Boerne in die charmante, ebenfalls im Rollstuhl sitzende Heimleiterin (Caroline Peters) verliebt, macht alles noch schwerer. Denn die engagierte Frau verheimlicht ihm etwas.

Sexualität von Körperbehinderten und Sterbehilfe als Sonntagabend-Unterhaltung? Noch dazu inszeniert von einem Regisseur, dessen erster Spielfilm „Combat Shock“ 1985 vom Verfall eines arbeitslosen und traumatisierten Vietnam-Veteranen handelte? Klingt nach einem düsteren Krimi. Doch der erste „Tatort“ von Regisseur Buddy Giovinazzo kommt leicht daher. Vor der Kulisse der sommerlichen Provinzstadt Münster fließt kein Blut. Das Duo aus dem ländlich-erdigen Kommissar und dem eitlen, quirligen Rechtsmediziner trägt die Story mit Wortwitz durch die Drehbuch-Windungen. Nur manchmal trägt es Jan Josef Liefers noch etwas zu weit aus der Spur, wenn er als Prof. Dr. Boerne den intellektuellen Narziss mimt.

Buddy Giovinazzo ist ein Neuling unter den „Tatort“-Regisseuren. Aber der 46-Jährige kennt das Krimi-Genre in allen Schattierungen – als Drehbuch-, Romanautor und Regisseur. In den 80ern und 90ern galt er als Untergrund-Ikone: Wie seine frühen Filme strotzen auch seine Romane von depressiven, drogenabhängigen und aggressiven Verlierern. Passenderweise heißen sie „Cracktown“ oder „Poesie der Hölle“. Der Hang zu Zerstörung, Verfall und Gewalt ist ihm nicht anzusehen. In seinen Jeans und den Turnschuhen, eine dunkelbraune Haarsträhne im Gesicht, wirkt er wie ein Literaturdozent aus dem Mittleren Westen.

Wo bleiben die düsteren Fantasien in diesem „Tatort“? „Es gab einfach keinen Grund, in diesem Film offene Gewaltszenen zu zeigen. Die Aggression hier zu Lande ist viel subtiler als in den USA“, sagt Giovinazzo. Seit fünf Jahren wohnt er in Berlin. Über den Potsdamer Platz hat er eine Novelle geschrieben, die Tony Scott verfilmen will. „Hier will ich nicht mehr weg“, sagt Giovinazzo. „In New York dreht sich alles nur ums Geld. Als ich nach Berlin zog, verstand ich nicht, warum am Sonntag die Geschäfte geschlossen sind. Jetzt kann ich mir nichts Schöneres vorstellen.“

Das kleine Münster hat der Großstädter lieben gelernt. An einem der 29 Drehtage arbeitete die Crew auch am nächtlichen Hauptbahnhof. Im krassen Gegensatz zum Rest der Stadt trafen sie hier auf Drogenabhängige und Obdachlose. „Das war fast wie in New York“, sagt Giovinazzo nicht ohne Erinnerung an seine amerikanische Heimat. „Ich fühle mich wohl in diesem Milieu.“

„Tatort“: ARD, 20 Uhr 15

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