Medien : Mister „New York Times“

Altverleger Arthur Ochs Sulzberger wird 80

Matthias B. Krause

Die Lobeshymnen, die sie am Sonntag zum 80. Geburtstag des ehemaligen „New-York-Times“-Herausgebers Arthur Ochs Sulzberger jr., gemeinhin „Punch“ genannt, halten, werden besonders wehmütig klingen. Zum einen gilt Sulzberger als der beste Verleger, den die altehrwürdige Zeitung je hatte. Zum anderen steht es um das nun von seinem Sohn geführte Blatt nicht zum Besten. Wirtschaftliche Schwierigkeiten zwangen zu Entlassungen, Skandale wie um den Fälscher Jayson Blair und die zweifelhafte Reporterin Judith Miller ruinierten den Ruf. Und mittendrin macht der Herausgeber einen überforderten Eindruck.

Allerdings ging das „Punch“ Sulzberger an seinem ersten Tag als Herausgeber und Präsident kaum anders. „Meine erste Entscheidung als Chef ist, dass ich mich vor Aufregung nicht übergeben werde“, soll er seiner Schwester zugeflüstert haben, bevor er im Juni 1963 den Konferenzsaal in neuer Funktion betrat. Gerade 37 Jahre alt, hätte er sich eigentlich noch ein Jahrzehnt in der Hierarchie der Verlegerfamilie hocharbeiten sollen, ehe er die Hebel der Macht übernimmt.

Zunächst galt Arthur Ochs Sulzberger (der Mittelname verweist auf bayerische Vorfahren), geboren am 5. Februar 1926 in New York, als Lebemann mit wenig Interesse für die feinen Privatschulen. Damals leitete sein Vater Arthur Hays Sulzberger die Geschäfte der Zeitung. Nach Einsätzen im Zweiten Weltkrieg erwarb „Punch“ an der Columbia Universität seinen Abschluss in Englisch und Geschichte. Dann begann er bei der „Times“ als Volontär, wechselte zum „Milwaukee Journal“, kam zurück, wurde Auslandskorrespondent in London, Paris und Rom. Als „Punchs“ Vater 1961 in Rente ging, wurde dessen Schwiegersohn Orvil E. Dryfoos sein Nachfolger, Sulzberger jr. bekam den Titel des Finanzassistenten. Das bedeutete kaum mehr als gepflegte Langeweile, erinnerte er sich später. Was sich schlagartig änderte, als Dryfoos zwei Jahre später verstarb. „Punch“ wuchs schnell mit seiner neuen Aufgabe, er erwies seinem Spitznamen, der sich auf seine Schlagfertigkeit bezieht, alle Ehre. Mit Durchsetzungsvermögen steuerte er das Blatt weg vom Schmusekurs mit Washington.

Er legte sich mit Kennedy an, als er sich weigerte, einen kritischen „Times“-Journalisten aus Vietnam abzuziehen. Sulzberger blieb standhaft, als seine Anwälte ihn davor warnten, geheime Papiere aus dem Pentagon über die Kriegsstrategie der Regierung in Vietnam zu veröffentlichen. Der Skandal ging unter dem Schlagwort „Pentagon Papers“ in die US-Mediengeschichte als Sieg der unabhängigen Berichterstattung ein. Zudem brachte er dem Blatt 1972 den ersten Pulitzer-Preis unter der neuen Ägide ein. Bis Sulzberger 1992 an seinen Sohn übergab, folgten noch 32 Pulitzer-Preise.

Auch ökonomisch schritt Sulzberger voran und baute die „Times“ zu einem Medienkonzern um. Die Meinungsseite revolutionierte er, indem er William Safire an Bord holte, Ex-Redenschreiber für Nixon und fortan konservatives Gegengewicht in einer bis dahin liberal gesinnten Zeitung. Als Sulzberger seinen Herausgeberposten 1992 an seinen Sohn Arthur Ochs Sulzberger jr. weitergab, stand die Zeitung in voller Blüte. Inzwischen darbt sie und bräuchte einen entschlossenen Mann an der Spitze. Doch während den alten Herausgeber alle „Punch“ nannten, hat der aktuelle den Spitznamen „Pinch“ – Kneifer.

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