Medien : Mit Herz und Schnauze

Beim 15. „Bella Block“-Fall mit Hannelore Hoger geht es um Gewalt unter Kindern

Thilo Wydra

Am 26. März 1994 fing alles an, da startete an einem Samstagabend eine neue ZDF- Krimi-Reihe zur besten Sendezeit. Mit Stolz konnten Sender und Redakteure bei diesem Format von Anfang an auf das blicken, worauf sie bekanntlich am meisten achten: auf Quote und Marktanteil: 6,3 Millionen Zuschauer und knapp 20 Prozent Marktanteil hatte die Newcomerin „Bella Block“ vorzuweisen. Das sollte sich in den nun beinahe zehn Jahren nur selten ändern.

Auch der 15. Fall, „Bella Block – Das Gegenteil von Liebe“, dürfte wieder für Zufriedenheit auf dem Mainzer Lerchenberg sorgen. Bella Block, die schnoddrig-nassforsche, offenherzig-warme Kommissarin aus Hamburg, interpretiert von Hannelore Hoger, ist ein Phänomen im deutschen Fernsehfilm-Alltag. Denn: Hier wird in fast gleich bleibender Kontinuität ein Widerspruch ganz real umgesetzt, nämlich die so seltene Verbindung zwischen Qualität und Quote, zwischen Klasse und Masse, zwischen Anspruch und Popularität. „Bella Block“ ist ein Erfolgsformat des ZDF, mit wechselnden Regisseuren (Max Färberböck, Sherry Hormann, Dagmar Hirtz) und Drehbuch-Autoren, die allesamt immer wieder für eine neu nuancierte Färbung der Figur und ihrer Fälle sorgen und psychologisierende Inhalte höheren Anspruchs liefern. Das ist selten im deutschen Fernsehen. Ganz selten. „Sperling“ gäbe es da noch zu nennen, oder den „Fernsehfilm der Woche“, beide ZDF. Oder die teils herausragenden Mittwochs-Filme im Ersten. Und einmal im Jahr ein Highlight auf Sat 1. Aber sonst? Ebbe! Dramaturgische Flaute. „Bella Block“ ragt da aus dem weiten Meer des Mediokren heraus wie ein Fels in der Brandung. Mit einer nach wie vor starken Hannelore Hoger und Themen, die stets sozialkritisch unterlegt sind, dabei glaubwürdig und immer dicht am realen Leben. Bei „Bella Block“ gibt es keine artifiziell-prätentiösen Mätzchen, kein technisches Tamtam, entsprechen die zweimal im Jahr rar gestreuten Einzelfilme einem formal und stilistisch unauffällig gehaltenen Konzept, das den Inhalt stets der Form voranstellt. Ein Rezept, das aufgeht.

Bellas jüngster Fall konfrontiert die Kommissarin – nicht zum ersten Mal – mit der komplexen Welt der Kinder, mit Kindern als Tätern und Opfern. Täter auch untereinander, gegeneinander. Opfer aber der oft kalt- kruden Erwachsenenwelt mit all ihrer Indifferenz gegenüber Wünschen und Sehnsüchten. Aus diesen Opfern können Täter werden, kann sich uneingelöstes Liebesbedürfnis in eine Aggressivität transformieren, die sich auch gegen ihresgleichen richtet. Ein heikles, zumal (moralisch und juristisch) schwer zu wertendes Sujet. Und eines, das gut in einen „Bella Block“ passt, wie ihn nun Drehbuch-Autorin Katrin Bühlig geschrieben und Dagmar Hirtz inszeniert hat.

Der erst sechsjährige Oskar, Sohn von Susanne Liebich (Julia Jäger) und Thomas Engler (Christian Berkel), verschwindet. Es ist ihr zweites Kind, und Susanne ist wieder schwanger, sie wollen bald heiraten. Oskar hat rote Haare. Was nur deswegen von plötzlicher Relevanz ist, da erst vor kurzem ein rothaariger Junge missbraucht und ermordet in Hamburg gefunden wurde. Bella Block ermittelt. Doch Oskar scheint wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Als sie ihn schließlich findet, in einem leeren Freiluftschwimmbad, ist er tot. Gefesselt, erfroren. Bella dreht sich im Kreis, der Druck wird größer, die Ermittlungen stocken. Bella ratlos. Und Rat sucht sie bei ihrem Lebensgefährten Simon Abendroth (Rudolf Kowalski), doch der hat ein Techtelmechtel mit der neuen russischen Kollegin, der Literaturprofessorin Mascha Krasiwaja (Nicole Heesters). Auch davon weiß Bella noch nichts. Keine gute Zeit für sie. Dann verschwindet das zweite Kind des Paares, die achtjährige Ronja, die Linie der kleinen rothaarigen Jungs ist durchbrochen. Und Oskars Onkel, Martin Engler (Peter Davor), seines Zeichens Boulevard-Journalist, verhält sich auffallend merkwürdig, will die tragische Familien-Geschichte zur Schlagzeilen- trächtigen Story ausweiten.

„Bella Block – Das Gegenteil von Liebe“ ist spannend, packend, bewegend, berührend, und von hoher Authentizität. Nur die völlig überzeichnete und unglaubwürdige Figur des Journalisten-Onkels stört merklich. Und Bella muss endlich wieder Privates klären. Auch das ist ganz nah am Leben.

„Bella Block“, ZDF, 20 Uhr 15

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