Medien : Mit Mief und Siegel

Warum der Grand Prix und die Superstars streckenweise an die untergegangene Sowjetunion erinnerten

Harald Martenstein

Seit Wochen wurden wir von einer Supermacht genötigt, „Deutschland sucht den Superstar“ anzuschauen. Das Kind wollte es so. Es ist elf. Am Samstag aber haben wir Sanktionen verhängt. Das Kind wurde gezwungen, sich zum ersten Mal in seinem Leben den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson anzuschauen, deutsche Vorentscheidung. Mein Gott – die Letten und Esten müssen es schließlich auch tun, und sie halten es irgendwie aus.

Nach einigen Auftritten fragte das Kind: „Warum singen die denn alle so langsam?“ Dann fragte es: „Kommt auch ein Rapper?“ Die dritte Frage lautete: „Können wir umschalten?“ Rapper? Bestimmt nicht. Sie bringen garantiert nichts, was im weitesten Sinne mit jugendnaher U-Musik zu tun hat. Ralph Siegel hat gewonnen, der Leonid Breshnew des deutschen Schlagers, mit Hilfe der Sängerin Lou. Das Lied klingt nach Karneval in den 50er Jahren. Das Beste an dem Lied ist sein Tempo, etwas Zweitbestes gibt es nicht.

Der Grand Prix ist 2003 wieder da angekommen, wo er einst angefangen hat, beim transusigen Tralala. Er hat, im Gegensatz zu fast allen anderen Bereichen menschlichen Tuns, über viele Jahrzehnte hinweg keinerlei Fortschritte gemacht. Einerseits ist das in den vergangenen Jahren das Erfolgsrezept dieser Veranstaltung gewesen. Denn man hat sich den Grand Prix ja bis tief in die eigentlich unironischen Bevölkerungskreise hinein ironisch angeguckt. Man hat ihn geguckt, weil er so herrlich beknackt ist.

Vor ein paar Jahren sah es so aus, als mutiere der Grand Prix zu einer Freakshow, mit Guildo Horn, Rudolph Mooshammer und Knorkator. Der Versuch einer Modernisierung. Die Show war immer noch beknackt, aber sie ging jetzt wenigstens offen damit um. Dieses Outing entsprach dem modernen Lebensgefühl: Zeige dein Gesicht! Der Modernisierungsversuch ist gescheitert. Jetzt wirkt es so, als ob nach Gorbatschow plötzlich wieder Breshnew regiert.

Schon Ralph Siegels Vater war in Deutschland der Schlagerking. Das muss man sich mal vorstellen: Die Siegels stellen in der deutschen Geschichte der letzten Jahrhunderte die nahezu einzige ungebrochene Kontinuität dar. Als Nebentäter kamen an diesem Abend die „Bild“-Zeitung, der Sponsor des Schröder-Imitators Elmar Brandt hinzu (zum Fürchten schlecht, Platz drei) und das schwäbische Christentum als Inspirator von „Beatbetrieb“ (grauenvoll, Platz zwei). Wenn die Siegels, „Bild“ und der Superintendent von Villingen-Schwenningen sich zusammentun, kann das, was hinten herauskommt, unmöglich Pop sein.

Der grottige Ton. Die popelige Bühne. Die drolligen Requisiten – brennende Herzen, Fackeln, lauter so Sperrmüllzeug. Und die Kostüme! Was die Künstler anhatten, sah meistens aus wie aus der „Derrick“-Folge „Mord in Schwabing“, anno 1970. Oder der hilflose Moderator. Wie er versucht hat, mit einer Türkin aus dem Publikum partout englisch zu reden, obwohl sie gar kein Wort Englisch konnte! In welcher Zeit lebst du, Mann? Die meisten Türken können ganz gut deutsch.

Am nächsten Tag, beim „Superstar“-Finale, konnte man sehen, wie man das heute macht. Kostüme, Bühne, Licht, das hatte alles Weltniveau. Auch das „Superstar“-Finale erinnerte an die untergegangene Sowjetunion, aber auf andere Weise. Erstens, weil es zwar eine Wahl gab, aber keine echte Alternative. Zweitens, weil die Veranstaltung sich in stundenlangen Danksagungs- und Selbstbeweihräucherungsritualen erging und sich so endlos hinzog wie ein Parteitag der KPdSU. Wir sind beim neunten Werbeblock eingeschlafen. Breshnew ist das auf dem Parteitag auch mal passiert, bei der neunten Solidaritätsadresse der Komsomolzen.

Dieter Bohlens Gastauftritte mit „Modern Talking“ waren, man wagt es kaum zu sagen, die musikalischen Höhepunkte beider Abende. Dieter Bohlen ist der große Sieger, König von Deutschland. Und warum? Führende Bohlenforscher behaupten, dass sie sein Geheimnis kennen. Er guckt manchmal in die Musikkanäle ’rein, Viva oder MTV. Einfach so, um mitzukriegen, was international gerade so abgeht. Und dann imitiert er das ein bisschen. Ja: Bohlen klaut bei den anderen. Siegel klaut immer nur bei sich selber. Oder, wie in diesem Jahr, angeblich bei Wolfgang Petry. Das ist der Unterschied.

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