Medien : Mit offenem Visier

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Wolf Schneider ist eine ausdrückliche Wahlempfehlung wie in der

„Financial Times Deutschland“ lieber als unterschwellige Stimmungsmache

Die „Financial Times Deutschland“ hat es wahr gemacht: Sie hat ihren Lesern empfohlen, am 22. September die Unionsparteien zu wählen. Dies ist in der Sache eine geringe Überraschung, in der Methode aber ein Gegenstand verbreiteter Kritik in der Branche und ein Grund zur Unruhe in der eigenen Redaktion.

Hier steht nicht der Inhalt der Empfehlung zur Debatte (der ist diskutabel), sondern die Methode allein. Wer sie bewerten will, sollte dabei vielerlei bedenken.

1. Die Chefredaktion hat es sich nicht leicht gemacht. Auf einer ganzen Zeitungsseite begründet sie ihre Wahl, indem sie alle Parteien, PDS inklusive, an dem misst, was ihr selber in Wirtschaft und Politik erstrebenswert erscheint; und auf einer weiteren ganzen Seite rechtfertigt sie sich für ihren Schritt mit dem Hinweis auf ihr englisches Mutterblatt, für das solche Wahlempfehlungen seit langem selbstverständlich seien, ebenso wie für die „New York Times“ und jüngst auch für „Le Monde“. Auch teilt sie mit, dass der Entscheidung eine „hoch engagierte Diskussion“ in der Redaktion vorausgegangen sei, die durchaus nicht zum Konsens geführt habe.

2. Die Empfehlung ist weit entfernt von jedem Überschwang. Auch eine differenzierte Argumentation müsse aber, schreibt das Blatt, trotz vielfältiger Bedenken schließlich in eine klare Entscheidung münden.

3. Abweichenden Meinungen verspricht die „FTD“ in den nächsten Tagen breiten Raum zu geben, und Christoph Keese, einer der beiden Chefredakteure, fügte gegenüber zwei Nachrichtenagenturen hinzu, dies gelte auch für die eigenen Redakteure.

4. Die Empfehlung erfolgt mit weit geöffnetem Visier. Der „Spiegel“, der „Stern“, die „taz“ kennen ja die Grenze zwischen Nachricht und Meinung nicht und nehmen sich regelmäßig die Freiheit, im Gewand der Berichterstattung Stimmung zu machen; der „Welt“ und der „Bild“-Zeitung wurde in den letzten Wochen vorgerechnet, bis zu welchem Grade sie sich als Sprachrohr von Verlagsinteressen haben benutzen lassen; und die „Welt“ wie der „FAZ“ ist in der Gewichtung der Nachrichten durchaus eine Vorliebe für das rechte Parteienspektrum anzumerken.

Wer stattdessen sagt: „Das empfehlen wir, weil… Und wir haben uns den Kopf zerbrochen, ob überhaupt“: Der schenkt uns reinen Wein ein, der ist zu loben.

Wolf Schneider, 77, war Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ in Washington, Verlagsleiter des „Stern“, Chefredakteur der „Welt“. Er lebt auf Mallorca als Sachbuchautor und reisender Dozent an fünf Journalistenschulen.

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