Medien : „My Generation“

Der 79-jährige Peter Oakley ist der Grandpa des Internets. Jetzt covert der Brite den „Who“-Klassiker

Sabine Pamperrien

Die Zuwachsraten der Internetnutzung sind rekordverdächtig. Inzwischen sind 40,8 Millionen Deutsche ab 14 Jahren im Netz unterwegs. Eine ARD/ZDF-Online-Studie notiert für den Zeitraum von 1997 bis 2007 einen Anstieg von 6,5 auf 62,7 Prozent. Seit dem vergangenen Jahr wuchs die Zahl der Anwender um 2,2 Millionen. Eine Information ragt besonders heraus: Zum ersten Mal ist mit 5,1 Millionen Anwendern die Gruppe der über 60-Jährigen im Netz stärker vertreten als die 14- bis 19-Jährigen mit 4,9 Millionen. Damit hat sich die Internet-Präsenz der über 60-Jährigen in vier Jahren mehr als verdoppelt. Im Raster von ARD und ZDF kommen die über 70-Jährigen nicht vor. Eine Forsa-Studie von 2003 wies einen deutlichen Unterschied der Internetaffinität bei den „Silver Surfern“ und bei den über 70-Jährigen aus. Nur 400 000 alte Senioren waren im Netz, vielen davon ist das Internet bis zum heutigen Tag fremd geblieben.

Dass Greise im Internet durchaus etwas bewegen können, macht der 79-jährige Brite Peter Oakley vor. Unter dem Pseudonym „Geriatric1927“ avancierte er binnen kürzester Zeit zum Superstar des Videoportals Youtube. Eigentlich prägt Youtube in Nachfolge von MTV die Jugendkultur. Schnelllebig, laut, vergesslich. Am 5. August 2006 stellte Oakley sein erstes Video ein. Der Vorspann verspricht „geriatric gripes and grumbles“ – altersstarrsinniges Grummeln und Murren. Nach der Einspielung eines übersteuerten Blues, der die Lautsprecher scheppern lässt, macht der alte Herr den zumeist jugendlichen Youtubers erst einmal dicke Komplimente. „First Try“ dauerte zwei Minuten und sieben Sekunden.

Oakleys Begrüßungsformel „Hello Youtubers“ ist inzwischen legendär. Er finde ihre Filme wundervoll und sei ihnen völlig verfallen. Deshalb habe er beschlossen, selbst ein Video aufzunehmen, und biete an, ihnen etwas über das Leben aus der Perspektive eines Alten zu erzählen, der einiges erlebt habe. Er hoffe auf Reaktionen und werde auf alle Fragen und Anregungen gern in weiteren Videos eingehen.

Die Resonanz war überwältigend. Hatten zuvor die erfolgreichsten Videos immerhin 100 weitere Videos inspiriert, erhielt der alte Herr mit dem gepflegten britischen Akzent nun 400 Videobotschaften und unzählige Textnachrichten. „Bitte erzähl uns etwas“, „Wie war deine Jugend?“ „Mein Großvater ist leider nicht wie du“, „Ich bewundere deinen Mut!“, war zu lesen. Er begann, aus seinem Leben zu erzählen. Nach elf weiteren Videos in vierzehn Tagen avancierte der Motorradfan zur Nummer eins der YouTube-Charts. Als er sich dann verabschieden wollte, wurde er bestürmt weiterzumachen.

„First Try“ wurde inzwischen von mehr als 2,5 Millionen Menschen gesehen. Nach über 70 Videos hat „Geriatric1927“ sich an neunter Stelle der Allzeit-Bestenliste etabliert und zählt mehr als 40 000 Abonnenten. In seiner Serie „Telling it all“ berichtet er von seiner Kindheit in den 30er Jahren, der Schulzeit, seinem Elternhaus, ersten sexuellen Erfahrungen, Bombennächten des zweiten Weltkriegs, Erlebnissen als Soldat, übertriebener Political Correctness, aber auch von den Tücken des Alltags und der Einsamkeit des Alters.

Peter Oakley erzählt keine sentimentalen Schnurren, sondern, mit trockenem Humor und kritisch reflektierend, Begebenheiten eines ganz unspektakulären Lebens. Neun Monate nach seinem ersten Versuch ist er der designierte Grandpa des Internet. Er wird mit Lob, Respekt und Liebe überhäuft. „Ich bin froh, endlich jemand kennenzulernen, der all das wirklich erlebt hat.“ Und ganz oft heißt es schlicht: „Ich liebe dich“. Ebenso viele Kommentare beginnen mit einem Wort, das fast ausgestorben schien: ehrfurchtgebietend.

Der Witwer aus Mittelengland trifft ein Bedürfnis, das nur ganz weit außerhalb der üblichen Richtwerte von „Jugendkultur“ angesiedelt werden kann. Theoretiker sprechen schon davon, dass Peter Oakley eine Kulturrevolution bewirkt habe. Youtube sei durch ihn erwachsen geworden. Längst hat er andere alte Menschen zum Mitmachen animiert und erteilt sogar online Nachhilfe. Am 8. April lüftete er in seinem 69. Video ein lang gehütetes Geheimnis über ein Projekt für Alte.

Als Mitglied der Band „The Zimmers“, Durchschnittsalter: 78 Jahre, nahm Peter Oakley in den legendären AbbeyRoad-Studios in London eine Cover-Version des „The- Who“-Titels „My Generation“ auf. „I hope I die before I get old“, singt der 90-jährige Lead-Sänger Alf Carretta. „Old age happening“ heißt die Aktion, die bei der BBC ausgedacht wurde, um auf teilweise entwürdigende Lebensbedingungen alter Menschen aufmerksam zu machen. Mike Hedges, der sonst Ikonen wie „U2“, die „Bangles“, „The Cure“ oder Dido betreut, produzierte den Song. Ein Grammy-Gewinner drehte das Video.

Auch „The Zimmers“ erobern nun das Internet. Beim Portal Myspace haben sie in einem Monat 2500 Freunde gewonnen. Nik Kershaw, Bryan Adams und Lou Reed zählen dazu. Erklärtes Ziel der Aktion ist es, die Charts zu stürmen. Vom 21. Mai an kann der Song bei iTunes, dem Online-Musikgeschäft von Apple, geladen werden. Die CD kommt am 28. Mai in den Handel. Der Erlös fließt ausnahmslos in Projekte der Altenhilfe. Das Video bei Youtube wurde inzwischen von fast 1,7 Millionen Usern angesehen. Es löst weltweit Jubelstürme aus. Auch hier ist immer wieder von Respekt und Liebe die Rede.

Im spanischsprachigen Raum gibt es einen anderen Internet-Superstar im weisen Alter. Die 94-jährige Maria Amelia aus La Coruña bloggt seit Dezember 2006 und berichtet wie der Brite Oakley aus dem eigenen Leben. Schon im ersten Monat erzielten ihre Postings fast 92 000 Zugriffe. Inzwischen erhält sie Briefe aus der ganzen Welt. Das Internet sei ein essenzieller Bestandteil ihres Lebens, erzählte sie in einem Interview. Ob die Beispiele deutsche Alte beflügeln?

Die Videos im Internet:

www.youtube.com/profile?user=geriatric1927

www.myspace.com/thezimmersband

www.youtube.com/watch?v=zqfFrCUrEbY

www.thezimmersonline.com

http://amis95.blogspot.com/

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