Medien : Nach Kirch wird alles anders Medienforum NRW: Krisenbewältigung statt Visionen

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Von Thomas Gehringer

Für mehr Staatsferne in den Medien hat sich Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) am Mittwoch bei der Eröffnung des 14. Medienforums NRW in Köln ausgesprochen. „Das parteipolitische Gezerre um die Wahl des ZDF-Intendanten hat sehr deutlich gezeigt, dass ein neues Denken erforderlich ist“, sagte Clement, der ebenso wie Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis vor einigen Tagen den ZDF-Verwaltungsrat verlassen hatte.

Gemeinsam mit Simonis will der Düsseldorfer Regierungschef nun einen Reformentwurf für den ZDF-Staatsvertrag vorlegen. Danach sollen Regierungsvertreter nicht mehr Mitglieder des Aufsichtsgremiums des Senders sein dürfen. Auch die „massive finanzielle Beteiligung durch die Bayerische Landesbank“ an dem mittlerweile insolventen Kirch-Konzern belege das Problem „eines zu hohen Anteils der Politik“. Clement räumte ein, auch unter seiner Landesregierung würde Standortpolitik betrieben, doch in ihrer Dimension sei die Kirch-Krise „eine singuläre bayerische Veranstaltung“.

So viel Wahlkampf muss schon sein – gut drei Monate vor der Bundestagswahl.

So viel aktuellen Gesprächsstoff wie in diesem Jahr hatte der Kölner Branchentreff schon lange nicht mehr. Seien es die aktuellen TV-Übertragungen von der Fußball-Weltmeisterschaft: Fritz Pleitgen bestätigte beim Eröffnungspodium das Interesse von ARD und ZDF, mehr als die mit Kirch-Media vereinbarten zwei Viertelfinalspiele übertragen zu wollen. Urs Rohner, Chef der Kirch-Tochter ProSieben Sat 1 Media AG, überraschte mit dem Konter, auch der Sender Sat 1, der am Abend die Zusammenfassungen zeigt, würde gerne ein Spiel live zeigen.

Überhaupt war Rohner äußerst bemüht, den Eindruck zu vermitteln, dass zumindest die Fernsehsparte des verblichenen Kirch- Imperiums quicklebendig sei. „Uns betrifft vornehmlich die Frage, wer unser Mehrheitsgesellschafter wird“, sagte Rohner, als handele es sich um ein nebensächliches Detail. Im Übrigen werde bei den Sendern weitergearbeitet wie bisher. Die Anteilnahme der Konkurrenz (Pleitgen: „Wir würden es außerordentlich bedauern, wenn Pro 7 und Sat 1 in große Schwierigkeiten geraten sollten“), nahm Rohner ungerührt zur Kenntnis.

Wo die Branche früher am liebsten blumige Visionen von einer schönen neuen Medienwelt beschwor, ist sie nun vornehmlich mit Krisenbewältigung beschäftigt. Neben der Neu-Ordnung der Medienlandschaft nach der Kirch-Insolvenz beschäftigen den Kongress in der Kölner Messe auch die aktuelle Debatte über Mediengewalt und natürlich die Folgen von sinkenden Werbeeinnahmen sowie geplatzter Hoffnungen im Internetgeschäft. „Unsere Online-Träume sind vorbei“, sagte RTL-Chef Gerhard Zeiler kurz und bündig. Doch „eine gewisse Konsolidierung tut uns nicht schlecht. Das Free TV wird aus der Krise sehr stark hervorgehen. Der Aufschwung wird kommen.“ Die Bertelsmann-Pläne, einen eigenen Musiksender unter Führung von RTL aufzubauen, kommentierte Zeiler ausweichend: „Alles ist möglich, nix ist fix.“

Die Ungewissheiten sind groß, wohin man auch blickt. Ob ausgerechnet MTV-Eigner Viacom die frei werdenden rund 30 Prozent der Anteile an der Viva Medien AG übernehmen wird, ist weiterhin offen. Viva-Chef Dieter Gorny demonstrierte Gelassenheit („Tiefe Verlustängste habe ich nicht“) und verwies auf die bestehenden Geschäftsbeziehungen zum weltgrößten Medienkonzern AOL Time Warner, der ebenfalls mitbietet.

Ausführlich beschäftigte die Eröffnungsrunde die ebenfalls unsichere Situation beim Verkauf des Kabelnetzes durch die Telekom. Das Bundeskartellamt hatte einen Einstieg des US-Investors Liberty Media verhindert, derzeit sind Interessenten für weite Teile des Kabelnetzes in Deutschland nicht in Sicht. Clement beklagte, die Entscheidung habe „uns in eine Zwickmühle manövriert“. Was als wettbewerbsrechtlich zulässig gelte, lasse sich offensichtlich langfristig nicht refinanzieren.

Medienwächter Norbert Schneider von der Düsseldorfer Landesanstalt für Rundfunk sekundierte: Solche Entscheidungen, die die Infrastruktur der zukünftigen Medienlandschaft betreffen, sollten nicht Sache des Kartellrechts, sondern des weiter gefassten Medienrechts sein. Da konnte Wolfgang Clement, der so gerne vom Rückzug des Staates spricht, nur mit dem Kopf nicken.

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