Nachlassende Sehkraft : Format außer Form

Bald unter ferner liefen? Den politischen Magazinen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geht es schlecht.

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„Gefährliches Geflügel: Wieso die Politik nichts gegen multiresistente Keime auf Hühnerfleisch unternimmt“, muss da das Land nicht aufschrecken? „Riester-Rente ist kein Erfolgsmodell – und Fördergelder versickern bei Anbietern“, ist das nicht empörend? Der erste Aufreger um die Keime war am Dienstagabend als Spitzenthema für „Report Mainz“ um 21 Uhr 45 in der ARD angekündigt. Der zweite für „Frontal“ im ZDF um 21 Uhr, ebenfalls gestern Abend.

Solche „Kracher“ sind die Regel bei den Politmagazinen von ARD und ZDF. Zur Regel gehört es auch, dass das Fernsehpublikum bei solchen Ankündigungen nicht aus den Sesseln hochfährt, längst hat es sich an die „Skandalisierung“ gewöhnt; mehr und mehr Zuschauer scheinen ihrer gar überdrüssig geworden zu sein. Die Politmagazine im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sind insgesamt im Abwind, bei einigen muss von Absturz gesprochen werden.

Für die ARD sind am Start: „Report Mainz“ (SWR), „Report München“ (BR), „Fakt“ (MDR), „Panorama“ (NDR), „Kontraste“ (RBB) und „Monitor“ (WDR). Das ZDF schickt „Frontal 21“ ins Rennen um Quote und Aufmerksamkeit, „ZDF. Reporter“ war bis zu seiner Einstellung Anfang dieses Jahres ebenfalls auf Zuschauerfang.

Für die Dekade 2001 bis 2011 ist für das Format des politischen Magazins unzweideutig erkennbar, dass nach dem Höhepunkt 2003 bei den Quoten und Marktanteilen – 3,45 Millionen Zuschauer und 11,9 Prozent – insgesamt ein Sinkflug einsetzte. Über die Jahre fielen die Zahlen auf den diesjährigen Minusrekord von durchschnittlich 2,70 Millionen Zuschauer und 9,5 Prozent Marktanteil. Seit 2001 bedeutet das ein Minus von 416 000 Zuschauern und 1,4 Prozent Marktanteil, vom Rekordjahr 2003 her ein Verlust von 750 000 Zuschauern oder 2,4 Marktanteil, haben die Medienforscher von ARD und ZDF errechnet. War „Report Mainz“ 2001 mit 3,55 Millionen (MA: 11,6 Prozent) der Spitzenreiter, führte 2001 „Frontal 21“ 2003 mit 3,77 Millionen (MA: 12,5 Prozent), so genügen „Panorama“ in diesem Jahr durchschnittlich 3,0 Millionen (MA: 11,3 Prozent) für die Poleposition.

Im Ersten muss „Report Mainz“ den größten Niedergang registrieren: 2001 die Nummer eins im Format, hält die SWR-Sendung aktuell bei 2,52 Millionen, da sind über eine Million Zuschauer verlorengegangen. Kein Magazin wird aktuell schlechter eingeschaltet. Bei den Marktanteilen hält das ZDF-Magazin „Frontal 21“ mit 8,4 Prozent zum ersten Mal nach zehn Jahren die rote Laterne in Händen, 2003 lag der Wert bei 12,5 Prozent. 2,64 Millionen Zuschauer entscheiden sich derzeit dienstags für das Produkt aus dem Hauptstadtstudio Berlin, in der Spitze waren das mal 3,77 Millionen. Das sind dramatische Zahlen für den Mainzer Sender. Es wird kein großer Trost darin liegen, dass auch die ARD-Konkurrenten sich im Rückwärtsgang bewegen.

Eigentlich müsste „Frontal 21“ als wöchentliches Magazin im Vorteil sein, da anders als bei den ARD-Produkten, die jeweils nur alle drei Wochen auf den Schirm kommen, aktuell reagiert werden kann. Denn wenn „Panorama“ und Co. einen großen „Skandal“ aufzudecken gedenken, dann muss der wenigstens über eine sehr viel längere Spanne im Verborgenen recherchiert werden.

Oder sind die Aufreger der Magazine nur Aufregerchen? Hat das Publikum, das immer schwer einzuschätzen ist, sich selten aber irrt, ein Gespür dafür entwickelt hat, dass trotz der ungeheuerlichen Sauereien keine Panik ausbrechen muss? Nicht wenige Magazinausgaben erinnern im Erregermodus bei Moderation und Präsentation an jene Sekten, die just für ein bestimmtes Datum den Weltuntergang prognostizieren und dann, wenn die Sonne unvorhergesehen wieder aufsteigt, unverdrossen ein neues Datum setzen. Nicht anders arbeiten die Magazineure. Einstweilen das Publikum längst im Ermüdungsbecken liegt.

Viel und mit Recht wird vom Fernsehen mit dem Sendeplatz argumentiert. Oder sollte es doch am unterschiedlichen Können der Macher liegen, dass die am Donnerstag um 21 Uhr 45 platzierten ARD-Magazine „Panorama“, „Monitor“ und „Kontraste“ die Montagssendungen „Report Mainz“, „Report München“ und „Fakt“ in der Akzeptanz regelmäßig überflügeln? Am Donnerstag setzt das Erste im Vorläuferprogramm auf populäres Quiz, am Montag kommt mal dies, mal jene Doku. „Kommt“ wird zu „kam“: Mit der neuen Talkshowstruktur sind die Montagsmagazine nach Dienstag gewandert, auf 21 Uhr 45. Jeder Sendeplatzwechsel, das erfahren gerade Talkkollegen in der ARD, bringt zunächst Verluste. Aber am Dienstag startet um 21 Uhr die Kuschel- und Mullserie „In aller Freundschaft“. Erfolgreicher sind über die Wochen nur noch die „Tagesschau“ und die Krimis am Sonntag. Die Sendeplatzausrede wird den „Reports“ und „Fakt“ bald abhandenkommen, wenn die Quoten nicht steigen. Wahr ist auch, dass das Erste seine Politmagazine nicht sonderlich gut behandelt hat. Sie wurden gekürzt, herumgeschubst, das Erste hätschelt lieber seine Talker als seine Magazineure. Jauch, Plasberg, Will scheinen schlagzeilenträchtiger als Anja Reschke von „Panorama“ oder Sonja Mikich von „Monitor“.

Und „Frontal 21“? Läuft im ZDF stets um 21 Uhr, stets nach einer Doku aus Adel, Historie oder jetzt „Faszination Erde“. Das ist ein vom Publikum gelernter Sendeplatz, bei dem nach 20 Jahren „Frontal 21“der Lack stellenweise abgesplittert ist. In seiner Not ist das politische Magazin längst zum wildgewordenen Verbraucher- und Kassenpatient-Empörungs-Magazin herabgesunken.

Ganz böse Zungen im ZDF behaupten, der Sender habe die Fußball-Champions-League auch deswegen eingekauft, um ab der Fernsehsaison 2011/2012 an einigen Dienstagen nicht das zeitkritische Magazin ausstrahlen zu müssen. Dann wäre das Zweite Deutsche Fernsehen, nach dem mutwilligen Ende von „ZDF. Reporter“, in mancher Woche eine magazinfreie Programmzone. Aber die Quote, die würde am Dienstag endlich stimmen.

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